Antuanetta Mishchenko ©Jan-Geert Wolff
Antuanetta Mishchenko ©Jan-Geert Wolff

Die Welt der Antuanetta Mishchenko

Von Jan-Geert Wolff

 

Wenn man den Namen Chopin in die Suchmaske von YouTube eingibt, erhält man unzählige Angebote, gespielt von großen Namen, routinierten Pianisten oder unbekannten Amateuren. Einer dieser Namen, auf die man dann irgendwann stößt, lautet Antuanetta Mishchenko.

 

Auf YouTube kann man rund 50 Videos der Pianistin sehen und hören, darunter eben auch Chopins Walzer, aufgenommen meist auf einem etwas in die Jahre gekommenen Ibach-Flügel. Dieser steht im Atelier der Künstlerin Christiane Schauder. Doch wie kommt Antuanetta Mishchenko ausgerechnet an diesen Ort im Souterrain der Schießgartenstraße in der Mainzer Neustadt?

Früher lebte die dreißigjährige Pianistin in Kiew. Am Morgen des 24. März 2022 um 5.20 Uhr hörte Mishchenko Explosionen und gleich darauf, wie die anderen Mieter das Haus fluchtartig verließen. Der russische Überfall war in Kiew angekommen. Schnell raffte sie ein paar Sachen zusammen. Nur ihren ukrainischen Ausweis nahm sie mit – nicht aber ihren Reisepass. Es begann eine Flucht, die sie tagelang durch die Westukraine, Polen und schließlich bis nach Deutschland führte. Ihre guten Englischkenntnisse halfen ihr dabei, immer wieder bei anderen Kriegsflüchtlingen mitzufahren, die ihrerseits froh über eine Dolmetscherin waren.

Mishchenko schaffte es bis nach Mainz, wo sie Martina Schulz kennenlernte, den ersten von vielen Menschen, die ihr im Laufe der Zeit helfen würden. Diese hatte bei YouTube ein Video der Pianistin gesehen, das diese noch in Kiew produziert hatte. Sie bot an, ihr beim Beschaffen von nötigen Dokumenten zu helfen. So kam auch der Kontakt zum Kulturdezernat zustande, das sich wiederum an Christiane Schauder wandte: Hatte die bildende Künstlerin nicht einen Flügel in ihrem Atelier stehen, auf dem Mishchenko üben könnte? So kam eins zum anderen. Und die Pianistin sogar zu einer Dozentenstelle am Peter-Cornelius-Konservatorium der Stadt Mainz, wo ihr die stellvertretende Direktorin Carina Stamm beim Ausfüllen von Dokumenten geholfen hatte. Irgendwie hat sich aktuell alles gefügt im Leben der Künstlerin, die ihre Flucht vor dem Krieg und ihr Fuß fassen in Mainz als Wendepunkt in ihrem Leben sieht und heute vor allem eins ist: unendlich dankbar für die vielen Menschen, die sie dabei unterstützt haben.

Zum Gespräch treffen wir uns im Atelier von Christiane Schauder. Antuanetta Mishchenko hat inzwischen gut Deutsch gelernt, ab und zu  fallen ein paar englische Begriffe. Zwischen fertigen Bildern und entstehenden Kunstwerken erzählt die Musikerin von ihren Anfängen als Pianistin: Mit fünf Jahren begann sie zu spielen, mit sieben hatte sie mit einem einstündigen Benefizkonzert ihren ersten großen Auftritt, mit zwölf begann sie ein Studium bei Prof. Valeriy Kozlov in Kiew und 2017 legte sie an der Nationalen Tschaikowsky-Musikakademie ihr Examen ab. Konzerte führten Mishchenko nach Europa, Asien und in die USA. Sie gewann diverse Wettbewerbe und nahm an Meisterkursen renommierter Kollegen teil.

Nun könnte man meinen, der Weg zu einer Karriere als Musikerin sei vorgezeichnet, schließlich ist der Name Antuanetta Mishchenko in der Ukraine nicht unbekannt: Als es im Winter 2013/2014 in ihrer Heimat zu den Maidan-Demonstrationen und der Besetzung der Krim durch Russland kam, nahm die Pianistin mutig an Kunstaktionen und Straßenkonzerten teil, um die Proteste zu unterstützen. Hierüber drehte die polnische Regisseurin Vita Maria Drygas einen Film, anzuschauen unter www.polishdocs.pl/en/films/1566/piano, in dem auch Mishchenko zu sehen ist.

Das möchte sie auch ihren jungen Schülerinnen und Schülern am Konservatorium beibringen: Nicht für die Lehrerin zu lernen, sondern eigene Ziele zu entdecken und sie mit intensiver Arbeit zu verfolgen. „Talent alleine reicht nicht“, sagt Mishchenko. Vor allem Selbstbewusstsein brauche es: „Zu wissen, dass man etwas richtig gut kann.“ Dies zu vermitteln ist Ziel der Pianistin, die die musikalische Ausbildung als etwas Ganzheitliches betrachtet. So ist für sie nicht nur die Musik alleine wichtig. Mit besonders begabten und interessierten Schülerinnen und Schülern bespricht sie daher auch Fragen des Auftretens, sogar die geeignete und passende Konzertkleidung ist dann Thema. Gemeinsam werden Videos und Fotos gemacht, die Mishchenko als wichtigen Baustein ihres Unterrichts sieht, spielen sie doch eine entscheidende Rolle für eine mögliche Karriere der Schülerinnen und Schüler, in deren Reihen sich auch junge Landsleute befinden.

Den Grundstein für die Lehrtätigkeit legte 2020 ein seelisches Tief. Mishchenkos Spiel und damit auch ihre Karriere stockten – wo sollte der Weg hingehen? Sich nur aufs Konzertpodium beschränken wollte die junge Pianistin nicht mehr. Und so nahm sie mit einem Freund in Eigenproduktion eine erste CD mit Klavier-Tutorials auf. Via Instagramm startete sie mit einem Kollegen einen öffentlichen informativen Austausch über Komponisten und ihre Werke, schlüpfte also quasi in die Rolle der Moderatorin. In YouTube-Videos kann man die Dozentin aktuell auch mit Schülerinnen und Schülern erleben. Online-Tutorials sollen folgen. Zudem plant Mishchenko, auch internationalen Kulturaustausch und -management zu studieren. Ihr Traum ist eine Agentur, die weltweit talentierte Schülerinnen und Schüler ganzheitlich ausbildet und betreut.

Noch immer ist das Atelier von Christiane Schauder der Ort, an dem Antuanetta Mishchenko täglich Klavier übt. Sie muss sich allerdings stark einschränken, da einige Mieter des Hauses seit Corona im Homeoffice arbeiten und sie nicht, wie für professionelle Musiker üblich, 8 bis 9 Stunden pro Tag üben kann..

Erleben kann man Mishchenko daher vor allem im Netz, wo sie täglich ein Klavierstück präsentiert. Begonnen hat sie damit im Juli – jeden Tag ein Walzer des polnischen Komponisten Chopin. Seit August sind hier auch Videos mit Schülerinnen und Schülern der Ukrainerin zu hören: Sie spielen Werke des im ukrainischen Cherson geborenen Romantikers Samuel Maykapar. Für den Herbst plant die Pianistin dann Stücke ihres Landsmanns Viktor Kosenko und von Robert Schumann. Den halben Juli jeden Tag ein Walzer des polnischen Komponisten mit dem französischen Namen im YouTube-Kanal von Antuanetta Mishchenko – Chopin würde das sicher liken.