Dr. Oliver Kornhoff, ©Ullrich Knapp
Dr. Oliver Kornhoff, ©Ullrich Knapp

Drei Sockel für Die Kunst

Von Andreas Berg

 

Neugierig erwartet die Wiesbadener Kunst- und Museumsszene die Eröffnung des Museum Reinhard Ernst an der Wiesbadener Wilhelm­straße. Doch ein Termin steht noch nicht fest, da die Errichtung des architektonisch anspruchsvollen Hauses längere Zeit in Anspruch nimmt als erwartet. Feuilleton durfte vorab schon einen Blick in den Neubau werfen und stellt den Gründungsdirektor vor.


Den Mann habe ich schon einmal auf den Sockel gestellt. Und zwar sprichwörtlich. Die Rede ist von Dr. Oliver Kornhoff, Kunsthistoriker und Museumsmacher. Vor einigen Jahren hat er im renommierten Museum Rolandseck eine launige und geistreiche Ausstellung zum Thema „Das Fundament der Kunst – Die Skulptur und ihr Sockel seit Auguste Rodin“ kuratiert. Da ich diese Idee originell und pfiffig fand, stellte ich den Maestro seinerzeit für die Abschlusseinstellung eines öffentlich-rechtlichen Fernsehbeitrags auf einen Sockel, der frei und unbelegt in den Ausstellungsräumen des grandiosen Richard Meier Baus am Rhein dazu einlud. Die Schau zur Bedeutung des Sockels in der Kunst war nicht der einzige Schachzug des engagierten Museumsdirektors, auch angesichts eines leider relativ bescheidenen Kultur-Etats ein großes Haus regelmäßig mit reizvollen Ausstellungen zu bespielen. In den zwölf Jahren seiner Amtszeit von 2009 bis 2021 trug der 1969 in Köln geborene Museumsmann nicht nur die künstlerische Gesamtverantwortung für rund 80 Ausstellungen. Unter seiner Ägide gelang es auch, das Haus zu einem geachteten Partner nationaler und internationaler Kunstmuseen zu machen, Förderer und Sponsoren zu gewinnen, sowie beim Publikum sehr erfolgreiche Ausstellungen mit Kunst vom Mittelalter bis heute zu initiieren. Neben seinem Wirken in Rolandseck leitete er auch noch das Künstlerhaus Schloss Balmoral in Bad Ems, eine wichtige Heimstätte für internationale Stipendiatinnen und Stipendiaten. Seit 2021 ist er Gründungsdirektor des neuen Museum Reinhard Ernst in Wiesbaden. Deshalb gibt es für mich anlässlich eines Artikels im „feuilleton“ ein erfreuliches Wiedersehen mit dem umtriebigen Kunsthistoriker. Der Treffpunkt ist sein neuer „Tatort“ an der Wilhelmstraße. Kornhoff empfängt uns außen, an der belebten „Rue“, vor dem spektakulären, noch nicht ganz fertiggestellten, Museumsneubau des Architekten Fumihiko Maki. Wie nicht anders zu erwarten, ist er Feuer und Flamme für das neue Haus und brennt für seine neue Aufgabe. Nicht ganz ohne Stolz verrät er, dass die Wiesbadener bereits einen Kosenamen für das 80 Millionen teure Bauprojekt gefunden haben: „Zuckerwürfel“. Kornhoff findet, eine architektursprachlich passende Hommage, denn die 6000 Quadratmeter Außenfläche des Gebäudes wurden mit „Bethel-White-Granit“ verkleidet. Ein besonderer Stein, der weltweit nur in zwei Steinbrüchen, einer davon in den USA, der andere in Brasilien, zu finden ist. „Das weißeste Weiß, das auf unserem Planeten zu finden ist“, schwärmt der Museumsleiter. Damit die Steinfassade so schön glitzert, musste sie in Handarbeit vor Ort geschliffen werden. Wichtig ist Kornhoff, dass der Transport des Steinmaterials ausschließlich mit Schiff und Bahn erfolgte und hierbei auf den ökologischen Fußabdruck geachtet wurde. Wie insgesamt beim Bau des Museums immer Gesichtspunkte der Nachhaltigkeit und Ökologie berücksichtigt worden seien und diese auch künftig bezüglich des Energieverbrauchs durch Nutzung von Photovoltaik und Erdwärme des Wiesbadener Quellgebietes Beachtung finden würden.


Zu Beginn der Führung über die Baustelle, weist der promovierte Kunsthistoriker auf die Besonderheit des Standorts seiner neuen Wirkungsstätte hin. Die Adresse Wilhelmstrasse 1 sei das historische Eingangstor zur Stadt, hier habe man früher bei den Besuchen des Kaisers einen Triumphbogen zu seiner Begrüßung errichtet, hier auf dem Grundstück des Museums stand einst das Grand-Hotel Victoria. Laut Kornhoff „one of the places to be“, ein Anwesen, das einst das Entree in die noble Wiesbadener Innenstadt markierte. Fumihiko Maki hat diesem Aspekt Tribut gezollt und will damit, so Kornhoff, dieses alte Tor zur Innenstadt wieder nobilitieren. Der Architekt hat sich bei seinem Entwurf bewusst an den Sichtachsen und Linien der historischen Wilhelmstraße orientiert, genauso die Traufhöhe der umliegenden Gebäude berücksichtigt. Der Maki-Bau zeige ein ganz klares Bekenntnis zur Moderne, gleichzeitig aber eine hohe Sensibilität zur Umgebung mit der historischen Bebauung, schwärmt Kornhoff.  Anders als beim benachbarten Landesmuseum, muss der künftige Museumsbesucher im neuen Museum Reinhard Ernst allerdings keine Treppen unter den Augen eines ehrfurchtgebietenden Goethes hinaufsteigen. Der Eingang ist einladend ebenerdig und nicht durch einen begrenzenden Zaun umstellt. Kornhoff betont, dass dieses ganze Museum den Steuerzahler keinen einzigen Euro kostet. Der architektonisch höchst aufwendige Bau und die hauseigene Kunstsammlung sind eine noble Stiftung des Mäzens Reinhard Ernst, das Grundstück hat die Stadt auf 99 Jahre in Erbpacht zur Verfügung gestellt. Die Trägerin des Hauses ist die Reinhard & Sonja Ernst-Stiftung, aber der Unterhalt und die Personalkosten des Hauses sollen soweit wie möglich selbst erwirtschaftet werden. Nicht nur mit Eintrittsgeldern, Einnahmen aus dem Museums-Café oder dem Museumsshop, sondern auch mit der Vermietung des Foyers oder des mit modernster Technik ausgestatteten Veranstaltungssaals für Tagungen, Vorstandsitzungen und Feiern.

Wichtig am neuen Museumskonzept ist für Oliver Kornhoff auch die Berücksichtigung eines Herzensanliegens des Stifters. Das Museum Reinhard Ernst soll ein Zentrum der Kunstvermittlung für Kinder und Jugendliche werden. Das Haus öffnet für die normalen Museumsbesucher an Werktagen immer erst ab mittags. Die Vormittage sind ganz der museumspädagogischen Arbeit gewidmet, bei der Schüler verschiedener Altersstufen sich kreativ selbst künstlerisch ausprobieren dürfen und ihnen die Kunst der Gegenwart nahegebracht werden soll. Das „Farblabor“ – so der passende Name des pädagogischen Kreativbereichs – wurde bewusst zentral nahe des Museumseingangs positioniert und nicht im Keller versteckt, um die wichtige Bedeutung dieser künftigen Arbeit hervorzuheben. Im Inneren des Gebäudes sorgt ein gläsernes Atrium, um den sich die künftigen Ausstellungsräume herumgruppieren, auf allen Stockwerken für ein angenehm helles Tageslicht. Ein fünfzig Jahre alter Ahornbaum und eine Chiliida-Skulptur aus Corten-Stahl, Buscando la Luz III, so der Titel – bringen schon etwas japanisches Flair in den Lichthof, auch wenn zurzeit überall noch die Handwerker zugange sind. Dank einer kompletten Außenverglasung ist das Untergeschoss lichtdurchflutet, in dem später neben dem Farblabor der Kassenbereich, der Museumsshop und die Gastronomie untergebracht sein werden. Die Ausstellungsräume bestechen mit einer faszinierenden architektonischen Großzügigkeit. Teilweise erstrecken sie sich über zwei oder drei Stockwerke und erreichen eine Deckenhöhe von 14 Metern.

Schon jetzt erahne ich, dass Wiesba­den mit einem architektonisch außergewöhnlichen Museum beschenkt wird, das vielen künftig nichtalltägliche Sinneserlebnisse und hochkarä­tigen Kunstgenuss bescheren wird. Bei der Begeisterung, mit der mir der Gründungsdirektor sein künftiges Haus vorstellt, scheint hier der richtige Experte für die künftige Leitung des Hauses gefunden worden zu sein. Auf der Baustelle habe ich deshalb schon einmal Ausschau nach drei freien Sockeln gehalten: einen für den geschätzten Museumsmacher Dr. Oliver Kornhoff, den zweiten für den genialen Architekten Fumihiko Maki, den dritten für den noblen Spender Reinhard Ernst.

Interview Dr. Oliver Kornhoff

A.B.: Sie waren von 2009 bis 2021 ein geschätzter und äußerst quirliger Direktor des Arp Museums Bahnhof Rolandseck, ab 2013 auch noch künstlerischer Leiter des Künstlerhauses Schloss Balmoral – was hat Sie bewogen, weiter rheinaufwärts nach Wiesbaden zu ziehen?
O.K.: Es war natürlich eine einmalige Erfahrung, diese Kulturlandschaft in Rheinland-Pfalz mitgestalten zu können. Dafür bin ich sehr dankbar und glaube auch, damit erfolgreich gewesen zu sein. Aber dann gab es eben mit dem Museum Reinhard Ernst die Chance, nochmal etwas ganz von Anfang an zu machen, buchstäblich „from the scratch“ ein Haus zu übernehmen, bevor es überhaupt das Licht der Welt erblickt. Das Arp Museum Bahnhof Rolandseck war ja bei meinem Start auch ein junges Haus, 3 Jahre alt, aber das hier steht quasi noch vor der Geburt. Ich denke, ich kann das Museum Reinhard Ernst so aufbauen, wie ich mir ein zeitgemäßes Museum vorstelle, angefangen vom vernetzten Arbeiten zwischen Kuratieren und Vermitteln, über das Einbeziehen des Marketings, bis hin zur Gestaltung des Museumsshops und der Entwicklung von individuellen Kollektionen, die dort angeboten werden sollen. Es ist eine große und spannende Herausforderung mit einem vergleichsweise kleinen Team von 15 Festangestellten – ein Haus nach meinem Museumsverständnis aufzubauen.

Es ist ein Traum, in einem Haus zu arbeiten, das so eine exquisite Sammlung hat und wo ich die Chance sehe, am Beispiel der abstrakten Kunst klar zu machen, dass Kunst und Kultur wichtig sind und dass man keine Berührungsängste haben muss. Es ist ja oft zu hören, abstrakte Malerei sei nur etwas für Eingeweihte, sie sei  ellitär und unzugänglich. Gerade die Werke der Sammlung Reinhard Ernst, alle entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg, spiegeln die Kunst unserer Zeit wider, sind maximal 80 Jahre alt, also wirklich die Kunst unserer Zeit, die die Fragen unserer Zeit stellt, gemalt (nur?) von Persönlichkeiten unserer Zeit. Damit bin ich auch bei der Kernfrage jeglichen kuratorischen Schaffens: nämlich, was hat denn das alles mit mir zu tun? Warum machen wir Ausstellungen für unser Publikum? Wie erreiche ich meine Zielgruppe mit den Inhalten, die mir wichtig sind? Jedem Museumsgast muss ich die Frage beantworten können: was das alles mit ihm zu tun hat. Wenn ich vermitteln kann, dass Abstraktion die Kunst dieser Zeit ist und ihm oder ihr dabei eine gute Geschichte erzähle, ist mir genau das gelungen.

A.B.: Wie sieht das konkret im praktischen Alltag aus? Die Presseartikel zu Ihren ersten hundert Tagen als Leiter des Museums Reinhard Ernst liegen nun schon ein Jahr zurück, das Haus ist bisher aber noch nicht offiziell eröffnet. Da fragt sich vielleicht manche Wiesba­dener*innen, ob es einem Direktor, dessen Museum sich seit seinem­ Amtsantritt vor anderthalb Jahren noch im Bau befindet, nicht langweilig werden könnte. Verraten Sie uns, was es in dieser Zeit zu tun gab und im Moment noch gibt?
O.K: Als erstes musste ich natürlich Mitstreiter*innen finden, die dieselbe Vision von diesem Museum haben wie ich und natürlich auch Herr Ernst. Konkret bedeutet dies, ein schlagkräftiges Team aufzubauen. Wir sagen gerne, wir sind ein Museums Start-Up mit all dem, was uns dann hoffentlich auszeichnen wird. Dass nämlich bei uns manches anders ist als in anderen Häusern, zum Beispiel unser spektakulärer Museumsbau aber eben auch die Haltung und die Angebote. Die Sammlung Reinhard Ernst kennt ja bis jetzt noch kaum jemand. Deswegen ist es eine immense Verantwortung, zur Eröffnung den ersten repräsentativen Ausschnitt als eine spannende Ausstellung zu gestalten. Also die Geschichte der Abstraktion anhand der Sammlung Reinhard Ernst zu erzählen, diese aber nicht linear, sondern mit Sprüngen und vor allen Dingen in Querschnitten. Das heißt, wir erzählen anhand unseres Sammlungsprofils die Geschichte der Abstraktion von Deutschland, Frankreich, also Europa, USA bis Japan. Wir spannen den Bogen von Deutschland bis Japan und von heute eher unbekannten Positionen bis zu den Superstars der Sammlung.

Dann haben wir ja noch eine zweite Eröffnungsausstellung, die erarbeitet werden muss und die wir unserem Museumsarchitekten, Fumihiko Maki, widmen. Hier ist die Frage, wie können wir die Kunst Makis, seine architektonische Denke erfahrbar machen? Denn unser Ziel muss ja sein, durch die Würdigung des Architekten ein besseres Verständnis für das mre als Baukunstwerk zu schaffen – und andersherum.
Neben den beiden Eröffnungsausstellungen muss das komplette Vermittlungsprogramm aufgesetzt werden. Das fängt bei den Stellenbesetzungen für die Kunstvermittlung und den Gästeservice an, aber es geht auch um all die Programme, die wir planen. Von klassischen Führungen bis zu unserem Media Guide, mit dem wir wirklich Neuland betreten. Wir planen Führungen, Workshops, kleine und große Aktionen pro Monat und die sind alle schon ziemlich komplett ausgearbeitet. Dann haben wir uns natürlich auch nach außen präsentiert, zum Beispiel auf dem Wiesbaden Marathon. Da waren wir die einzige Kulturinstitution vor Ort, weil wir sagen, das ist doch genau ein Teil unserer Kernbotschaft. Unsere Kunst hat sehr viel mit Körper und mit Bewegung zu tun. Weil die Malerinnen und Maler, die wir zeigen, die Leinwand, wie Robert Rauschenberg sagte, als Arena betrachten. Dann sind wir dabei, Schulpartnerschaften aufzubauen. Auch kommen schon die ersten Vermietungsanfragen für die Räume, ob man in unserem Veranstaltungssaal, dem Maki-Forum, zum Beispiel diese Jahreshauptversammlung abhalten oder jene Goldene Hochzeit feiern kann. Auch ist eine Außenrepräsentanz wichtig, die jenseits der des Sammlers liegt. Wir müssen dem Museum ein Gesicht geben, die Ideen, die in diesem Museum gelebt werden, nach außen tragen. Das muss jetzt erledigt werden, denn später wird keine Zeit mehr sein. Man darf auch nicht vergessen, dass wir einen sehr aktiven Sammler haben, der weiterhin noch kauft. Das heißt, das Administrieren der Neuankäufe durch die Sammlungsmanagerin und die Restauratorin muss geleistet werden, während wir parallel die Eröffnungsausstellungen vorbereiten. Zudem planen wir bereits die Ausstellungen der kommenden Jahre. Außerdem haben wir eine neue Homepage mit Onlineshop entwickelt, es müssen Drucksachen und Publikationen erstellt werden. Wir haben ein eigenes Magazin, das jede Ausstellung begleitet, wir haben als Museum Texte zum Architekturband zugeliefert, den es zur Eröffnung gibt und auch zum zweiten Sammlungsband, der im Frühjahr nächsten Jahres erscheint. Kurzum: die Säulen, auf denen ein Museum steht, die müssen errichtet werden und das kann man nicht alles erst vier Wochen vor der Eröffnung schaffen.

A.B.: Sie haben etwas Wichtiges angesprochen, der Sammler ist ja noch weiter aktiv. Der Grundstock für künftige Ausstellungen liegt ja jetzt schon bei rund 900 Gemälden und Skulpturen. Nach welchen Kriterien und in welchen Zeiträumen sollen diese Schätze im Museum präsentiert werden oder anders gefragt: wie oft müssen Wiesbadener*innen ins Museum kommen, bis sie das ganze Konvolut an Bildern und Skulpturen der Sammlung Reinhard Ernst kennen?
O. K.: 60 Arbeiten werden bei der Eröffnungsausstellung gezeigt. Dann wird es regelmäßige Wechsel in der Sammlungspräsentation geben, die immer unterschiedliche Schwerpunkte und zugehörige Fragestellungen abbilden. Das wird etwa alle zwei Jahre passieren und mit jeder neuen Sammlungspräsentation gibt es wieder einen neuen Media Guide und wieder eine neue Publikation, so dass man am Ende vielleicht über eine schöne Reihe an Katalogen respektive Magazinen zur Sammlung Reinhard Ernst verfügt. So, wie wir früher alle die grünen GEO-Hefte im Regal stehen hatten, hat man dann die mre-Sammelmagazine. Im Wechsel mit den Sammlungspräsentationen wird es immer Sonderausstellungen geben, die abstrakte Position von Klassikern bis in unsere Gegenwart vorstellen werden. Sie sehen, nach der Ausstellung ist sofort auch wieder vor der Ausstellung. Einheimische und Gäste sollten sich also am besten gleich eine Jahreskarte zulegen.

A.B.: Was ist für einen erfahrenen  Museumsmann und Kunsthistoriker das Besondere und Faszinierende an  der Sammlung Reinhard Ernst, was  macht sie so außergewöhnlich?
O.K.: Das Faszinierende ist, dass die Sammlung sich so scharf konturiert der Abstraktion widmet und erst nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt – Reinhard Ernst ist zu dieser Zeit geboren. Mich begeistert dieses unverwechselbare Profil der Sammlung. Auch glaube ich, dass wir mit den Werken sehr viel über unsere Gegenwart erzählen können, zum Beispiel wie Europa und die USA zueinandergekommen sind.
Unter anderem durch Emigrant*innen – Flüchtlinge, die in den USA eine künstlerische und menschliche Heimat gefunden haben und durch die sich New York zur Kunstwelthauptstadt entwickelt und Paris abgelöst hat. Das Schöne an der Sammlung ist auch, bedingt durch die Berufsbiographie von Herrn Ernst, dass Japan eine große Rolle spielt. Das ist für mich auch noch eine völlig neue Welt. Aber mit Gutai, der Künstler- und Künstlerinnen-Gruppe ist ja der japanische Anker für uns geworfen. Neuland zu entdecken, das bereitet großen Spaß. Zudem bin ich ja auch schon immer ein großer Freund der Farbe und diese Sammlung ist wirklich ein Fest der Farbe. Als ich das erste Mal im Depot die Sammlung in Augenschein nehmen durfte, war ich von der Größe und von der Farbintensität der Bilder sofort begeistert.
A.B.: Gibt es denn für den Gründungsdirektor auch schon Lieblings­arbeiten  aus dieser Sammlung?
O.K.: Ja, die werden wir in der Eröffnungsausstellung zeigen. Mein persönliches Lieblingsgemälde ist der Argonaut, ein Werk von Friedel Dzubas, den ich erst hier durch unsere Arbeit mit der Sammlung kennengelernt habe. Ein Deutscher, der als Sohn jüdischer Eltern in die USA fliehen musste und dort eben jene künstlerische Heimat gefunden hat, die ihn dann dort zum Superstar hat werden lassen. Er war und ist in seiner Heimat – in Deutschland gar nicht so bekannt, steht aber für eine typische Künstlerpersönlichkeit des 20. Jahrhunderts. Er verkörpert eines dieser Immigrantenschicksale, das in seinem Fall ein optimistisch stimmendes, positives Ende genommen hat, weil er in New York angekommen ist und dort große Wertschätzung erfahren hat. Wertgeschätzt wurde er beispielsweise von Helen Frankenthaler, die Reinhard Ernsts Lieblingskünstlerin ist. Mit ihr hat Dzubas sich angefreundet, hat in ihrem Atelier Heim und künstlerische Heimat gefunden. Mein Lieblingsbild von ihm in der Sammlung Reinhard Ernst ist geprägt durch ein farblich hinreißendes Kobaltblau, das einen nicht mehr loslässt und das auf sieben Metern Breite,  einem Panorama-Format, das er in Deutschland nie gemalt hätte. Amerika, diese neue künstlerische Heimat, hat die Exil-Künstler weiter vorangebracht. Wir sprechen hier allerdings von einer Wechselwirkung. Die Emigrantinnen beeinflussten die US-amerikanische Kunst stark, wurden aber auch selbst von ihr beeinflusst. Zu den Ergebnissen gehören diese monumentalen Formate und die besonderen Farben. Dzubas nennt das Bild passend Argonaut. Ich begebe mich also auf Seefahrt, mit ungewissem Ausgang. Ich durchschwimme mein Meer der Farben, also dieses Riesenleinwandgemälde, aber auch buchstäblich den Ozean zwischen Europa und den USA. Einen Lieblingsort gibt es auch: unser gläsernes Atrium. Hier kommt alles zusammen: Mensch, Natur, bildende Kunst, Architektur, ohne den didaktischen Zeigefinger.

A.B.: Zum Schluss noch eine persönliche Frage. Sie sind ja ne Kölsche Jung und sind jetzt hier in Hessens Landeshauptstadt Wiesbaden gelandet. Haben Sie sich schon gut eingelebt?
O.K.: Grundsätzlich habe ich mich bestens eingelebt. Ich finde die Lebensqualität in der Stadt super. Wiesbaden ist eine liebenswerte Stadt, in der ich aller Herren Länder Speisen essen, in der ich tollen Wein trinken kann, in der ich gut einkaufen kann. Ich wohne im Westend, das heißt ich bin relativ schnell draußen in der Natur. Nur mit dem Karneval – da sind wir noch keine rechten Freunde. Beim Wiesbadener Karneval, ist gemessen an Köln, noch viel Luft nach oben.

A.B.: Herzlichen Dank für das Gespräch und ich glaube, ich spreche im Namen vieler Wiesbadenerinnen und Wiesbadener, wenn ich sage: Herzlich willkommen, wir freuen uns auf die Eröffnung des Museums.