Theater Franz während der Aufführung
Theater Franz während der Aufführung

Exklusiv inklusives Theater
Von Shirin Sojitrawalla

 

In inklusiven Theatern stehen Behinderte und Nichtbehinderte auf und/oder hinter der Bühne. Viele Städte kommen ohne ein solches Theater aus, in Wiesbaden leistet man sich gleich  mehrere: Theater Anders, Theater Franz und die Theatergruppe Zeitlos. Im Oktober beschäftigt  sich zudem auf der anderen Rheinseite ein ganzes Festival mit inklusivem Theater, „Grenzenlos Kultur“ präsentiert sich vom 12. bis zum 22. Oktober.

 

Es gibt mindestens drei Wiesbadener Theatergruppen, deren Ensembles überwiegend oder ausschließlich aus Menschen mit Beeinträchtigungen bestehen. „Franz – das Theater“ vom Verein Lebenshilfe Wiesbaden wurde zu Beginn des Jahres 2002 aus der Taufe gehoben. Umgangssprachlich ist es als Theater Franz bekannt. Die Theaterpädagogin Christiane Jungkenn, bei der Lebenshilfe für Öffentlichkeitsarbeit zuständig, war von Anfang an dabei. Erfunden wurde das Ganze, um ein neues Freizeitangebot zu schaffen, erzählt sie. Gemeinsam mit der Regisseurin Barbara Wachendorff entwickelte sie die erste Premiere, nach Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“. Aufführungsort war auch damals schon das thalhaus im Nerotal. Dort kommt noch immer zu Anfang jedes Jahres die neueste Produktion heraus und auch die intensiven Proben in den Wochen vor der Premiere spielen sich dort ab.

Auch die Theatergruppe „Zeitlos“ der Evim (Evangelischer Verein für Innere Mission) zeigt sein Tanz- und Bewegungstheater im thalhaus. Dieses Jahr unter dem Titel „Brücken und Worte gegen Mauern und Schweigen“.Im Gegensatz zu „Zeitlos“ und „Anders“ besteht das Franz-Ensemble nur aus Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen, etwa aufgrund von frühkindlichen Hirnschäden oder Trisomie 21. Viele der Spielenden sind von Anfang an dabei, so Torsten Helker oder Gabi Bleeker.

Seit dem Jahr 2018 proben und spielen sie unter der Leitung der Regisseurin Claudia Stump, davor lange unter der Regie von Arnim Nufer. Mal bearbeiten sie klassische Vorlagen wie „Unter dem Milchwald“ von Dylan Thomas, mal zelebrieren sie assoziationsreiche Collagen. Darunter das ebenso abwechslungsreiche wie herzzerreißende Potpourri „Mein Herz-so groß“, das achterbahnfahrende Gefühle als muntere Nummernrevue feilbot. Die Freude am Spiel scheint im Ensemble so groß wie die am Dasein. Teil der Show waren auch so genannte Voice-Over, also zuvor aufgenommene O-Töne der Schauspielenden. Ein Verfahren, das man auch bei Theater Anders gern anwendet. Fürs Publikum ist das toll, weil man wirklich etwas Persönliches von den Akteuren erfährt und für diese wiederum ist es schön, weil sie etwas von sich erzählen können.

Die Proben bei Franz beginnen jeweils im März, dazu trifft man sich einmal in der Woche in einer Kindertagesstätte in Biebrich. Die endgültige Stückauswahl ergibt sich aus den Vorlieben der Spieler und Spielerinnen, sie werden gefragt, was sie spielen beziehungsweise gern darstellen wollen. Diesmal stehen die Zeichen auf Schlager, es wird eine Art Castingshow werden, mit Blick vor und hinter die Kulissen. Und sicher mit vielen Überraschungen. Das Ganze läuft unter dem Arbeitstitel „Franz Hitparade“, Premiere ist am 13. Januar 2024.

Improvisation ist beiden Gruppen wichtig, Jungkenn rät dem Ensemble, wenn es nicht mehr weiter wisse, einfach zu improvisieren. Daraus entstünden oft gute Ideen. Schließlich geschehe das, was Theater ausmache jetzt in diesem Augenblick, sagt sie. Bei Theater Anders steht man noch am Anfang mit der Stückauswahl. Auch Priska Janssens, die das Theater mit einem Team leitet, überlässt ihrer Truppe die Auswahl der Sujets. Beim ersten Treffen nach der Sommerpause taste man sich langsam an das neue Stück heran. „Wir geben nichts vor, und wir entscheiden nichts“. Es würden einfach verschiedene Ideen gesammelt. Sie sieht sich dabei lediglich als Impulsgeberin. Wichtig sei, das Ensemble überhaupt ins Spielen zu bringen mit Themen, die für alle interessant seien. Auf diese Weise ist etwa das höchst unterhaltsame Stück „Opa will Action!“ entstanden. Darin geht dem armen Opa der Fernseher kaputt. Also muss er fortan bespaßt werden, was das Zeug hält. Die Idee ist wie gemacht für sehr unterschiedliche Auftritte, weil jeder und jede den Opa auf seine und ihre eigene Weise über den Verlust des Fernsehers hinwegtrösten möchte. Es wird gesungen, getanzt, gelacht.

Als Janssens 2002 ans Staatstheater Wiesbaden kam, wo sie bis 2017 die Theaterpädagogik leitete, habe sie gedacht: „In diese hochherrschaftlichen Gemäuer müssen Behinderte rein!“ Gesagt, getan. Theater Anders wurde im November 2002 gegründet. Im Gegensatz zu Theater Franz gehören auch Menschen ohne offensichtliche Beeinträchtigungen zum Ensemble, ältere Menschen und andere, die mitspielen wollen. Zuletzt hat man auch versucht, Geflüchtete aus der Ukraine zu integrieren, was sich aber auf Dauer als zu anstrengend für alle Beteiligten erwies. Zu den Schultheatertagen im März präsentiert Theater Anders jeweils sein neues Stück im Studio des Staatstheaters. Im Theater probt die Truppe auch bislang. Dem bevorstehenden Intendantenwechsel sah man gelassen entgegen. „Wir stören da niemanden, weswegen ich davon ausgehe, dass alles so bleibt“, sagte Priska Janssens bei unserem Gespräch im August. Doch jetzt heißt es, es gebe keinen Probenraum mehr für die Gruppe im Theater. Ein Tiefschlag, doch alle sind optimistisch, dass sich noch eine Lösung oder etwas Neues finden lasse. Vorerst schlüpfen sie im Theater im Pariser Hof unter.

Auch bei Theater Anders sind manche schon von Anfang an dabei, Michael Klemm etwa oder Sin Kim. Ihre Kollegin Chloé Beloin schwärmt über das ganze Team: „Wir sind eine Familie“. Dabei ist es gar nicht so leicht, das Besondere dieser Art von Theater auf einen Nenner zu bringen. Für Christiane Jungkenn von Theater Franz ist es gerade das „Pure und Frische“, was sie an ihrer Arbeit beglückt: „Diese Menschen sind total unverstellt“. So unverstellt, dass jede Applaus-Ordnung zur Herausforderung werde beziehungsweise zum Scheitern verurteilt sei. Die Spielerinnen und Spieler vergessen bei der Vorstellung laut Jungkenn ihre Behinderung und bekommen Anerkennung für ihre Einzigartigkeit. Eine Erfahrung, die ihnen sonst im Alltag verwehrt bleibe.

 

Bei Theater Anders heißt es: „Wir drehen den Spieß herum: Uns interessiert nicht, was man angeblich können sollte, sondern wir erfreuen uns an dem, was jeder kann. Und das ist häufig viel mehr als erwartet.“ Theater Franz legt Wert auf das Individuum und benennt als Hauptaugenmerk seiner Arbeit den einzelnen Akteur und seine individuellen Begabungen und Fähigkeiten. Diese seien der Rohstoff jeder Inszenierung. „Wir wollen fördern und herausfordern: das Individuelle ebenso wie das Miteinander in der Gruppe.“ Das Ensemble von Theater Franz besteht aus 15 Spielerinnen und Spielern, die Älteste, Uta Siegert, ist mehr als 70 Jahre alt. Bei Theater Anders sind es rund 25 Leute. Einer der Spieler heißt Michael Wendt, ist 56 Jahre alt, und in beiden Gruppen zu Hause, steht also sowohl bei Theater Franz als auch bei Theater Anders auf der Bühne. Auf die schlichte Frage „Warum?“, sagt er beherzt: „Mir macht das Spaß!“. Man könne in beiden Gruppen neue Leute kennenlernen, die alle nett seien. Große Unterschiede zwischen Theater Franz und Anders kann er nicht ausmachen, hier beginne man mit Entspannungsübungen, dort werde zum Aufwärmen gesungen.

Theater wie Franz oder Anders nennt man gemeinhin „inklusiv“, was heißt, es dürfen alle mitmachen, niemand wird ausgeschlossen. Für Priska Janssens bedeutet das Wort Inklusion „auf Augenhöhe“. Von einer „Arbeit auf Augenhöhe“ spricht auch Jungkenn. Ihr ist dabei sehr wichtig, die Spielenden nicht zum Gespött zu machen. Das heißt aber nicht, dass man nicht über sie lachen dürfe. Zu den Größen der Zunft gehört Theater Hora aus Zürich. Es ist für sein exquisites Ensemble ebenso berühmt wie dafür, mit wechselnden Regisseurinnen und Regisseuren zusammenzuarbeiten. Auch bei Theater Franz sind Künstlerinnen und Künstler wie Uwe Oberg oder Uli Böttcher an den Produktionen beteiligt, die etwa für die Musik oder das Bühnenbild zuständig sind. Zu viel Abwechslung mag das Ensemble freilich nicht, wie Jungkenn erzählt. Die Leute bauten schnell eine sehr intensive emotionale Bindung zu anderen auf, weswegen man gern dieselben Kunstschaffenden wieder anfrage.

 

Außer Hora haben sich auch die Berliner Theater Thikwa und RambaZamba einen großen Namen erspielt. Im letzteren gehört die Tochter der Schauspielerin Angela Winkler, Nele Winkler, zum Ensemble. Alle drei Gruppen kann man im Oktober in Mainz in Aktion erleben. Dort geht jedes Jahr das Theaterfestival „Grenzenlos Kultur“ über die Bühnen des Staatstheaters. Und das schon seit 25 Jahren. Damit ist es das älteste Festival mit behinderten und nichtbehinderten Kunstschaffenden und gilt zu Recht als Mutter aller inklusiven Festivals. Eröffnet wird es in diesem Jahr am 12. Oktober mit einer Aufführung von RambaZamba: „Einer flog über das Kuckucksnest“ in der Regie von Leander Haußmann. Zum Abschluss am 22. Oktober zeigt Helgard Haug von Rimini Protokoll ihre Version von Bertolt Brechts „Der kaukasische Kreidekreis“, den sie mit dem Ensemble von Theater Hora zur Aufführung bringt. Ein Muss. Das gilt natürlich auch für die nächsten Premieren von Theater Franz und Anders.

 

www.lebenshilfe-wiesbaden.de/franz-das-theater
www.staatstheater-wiesbaden.de/programm/spielplan/theater-anders
www.grenzenlos-kultur.de