Ein Muss für Kunsttouristen ist der „Canaletto-Blick“. Der italienische Maler schuf im 18. Jahrhundert bedeutende Stadtpanoramen und prägte so das Dresden-Bild für alle Zeit, Foto: Dorothee Baer-Bogenschütz
Ein Muss für Kunsttouristen ist der „Canaletto-Blick“. Der italienische Maler schuf im 18. Jahrhundert bedeutende Stadtpanoramen und prägte so das Dresden-Bild für alle Zeit, Foto: Dorothee Baer-Bogenschütz

Expressis verbis 5

Die feuilleton-Kolumne von Dorothee Baer-Bogenschütz

 

Kunst auf Achse

 

Hamburg, Dresden, Greifswald, Winterthur: Dort muss jetzt hin, wer Caspar David Friedrichs 250. Geburtstag mitfeiern will

 

Die großen Ferien sind vorbei, die großen Kunsttrips stehen bevor. Der Besuch von Top-Events verlangt langfristige Planung – und ein üppiges Budget: auch wegen der Grünen, die (Billig-)Fliegen hassen. Wer aber zur Art Basel nach Miami will oder zur Venedigbiennale, kann dorthin nicht radeln und braucht nun ein immer größeres Finanzpolster. Leider. Wer es hat, denkt nicht übers Reisebudget nach, steigt vielleicht bevorzugt in Kunsthotels ab wie dem Ellerman Haus in Kapstadt, das nicht nur – wie viele Wettbewerber – mit eigener Kunstsammlung lockt, sondern sogar eine Kunstconcierge beschäftigt.

 

Wer dagegen sein Reisegeld abzählen muss, kann in Deutschland immer öfter in einem Premier Inn Hotel mit Leonardo da Vinci (ein-)schlafen. Vorm Lichtausknipsen trifft der Blick auf ein Zitat des Mona-Lisa-Malers an der Wand, das beim Schöner-Träumen hilft: „Ein gut verbrachter Tag beschert einen glücklichen Schlaf.“ Wer hätte das gedacht – dass ein universaler Künstler empfindet wie du und ich. Die Budget-Hotelkette mit Ursprung in Großbritannien expandiert mit Siebenmeilenstiefeln. Neuerdings empfängt sie auch in Wiesbaden Gäste. Oder lieber mit Nam June Paik & Co. zu Bett gehen? In der Landeshauptstadt soll ein Fluxus-Museum entstehen, dem ein Hotel angedockt ist – oder, je nach Sichtweise, vice versa. Fakt ist: Immer mehr Gästezimmer werden nicht zuletzt für Kunstbegegnungen gebraucht. Immerzu sind Kunstliebhaber auf Achse, wofür auch die Kunst umherziehen muss, was wiederum ihre Bewunderer mobilisiert: Es ist ein einziges Kommen und Gehen im Kunstbetrieb. Wann wären Kunstwerke je so oft über den Planeten gegondelt wie in unserer Zeit? Sogar ein ganzes Museum kann auf die Reise gehen. Das außergewöhnliche Museum, das der türkische Vorzeige-Autor Orhan Pamuk in Istanbul eingerichtet hat, gastiert nun in Dresden. Da kommt einem das einladende Halbmond-Logo des dortigen Premier Inn Hotels mit einem Mal gar türkisch vor! Schuld ist selektive Wahrnehmung.

 

Das herrliche Elbflorenz träumt sich an den märchenhaften Bosporus freilich nicht erst seit heute. „Ein Türke“ empfahl sich soeben in der fantastischen Werkschau zum 350. Geburtstag Rosalba Carrieras in Dresden, das gesegnet ist mit dem weltweit größten Konvolut ihrer Werke. Im 18. Jahrhundert drehte sich das Türkenbild um 180 Grad, erfuhr einen Wandel von Furcht zu Faszination. Das Türken-Pastell der bedeutenden Rokokoporträtistin, die gerade wiederentdeckt wird, bezeugt die „Türkenmode“, der auch August der Starke verfiel. Er befahl Shopping in der Türkei, etwa für Verkleidungsbankette. Märchenhafte Festzelte, täuschend echte Holzpferde in kostbaren Reitzeugen, Waffen vom Feinsten, Kaftane, Goldschabracke und Edelsteindolch fanden in die Türckische Cammer: mehrere glitzernd bestückte Säle im Dresdner Residenzschloss und eine der ältesten und bedeutendsten Sammlungen osmanischer Kunst außerhalb der Türkei. Und dann wäre da die Yenidze, die ehemalige Zigarettenfabrik im Stil einer pompösen Moschee, die Dresdens Skyline gleichsam als Pendant zur Frauenkirche bestimmt, und heute Restaurant und Theater beherbergt. Hoş Geldiniz, herzlich willkommen: Das orientalische Dresden könnte glanzvolles Thema einer Stadttour sein, und Marion Ackermann, Chefin der Staatlichen Kunstsammlungen, plant anlässlich des 100-jährigen Gründungsjubiläums der Türkei gar eine mehrjährige Programmreihe. Sie startet mit der Ausstellung „Orhan Pamuk. Der Trost der Dinge“ (6. Oktober 2023 - 7. April 2024). Im Fokus ist eine Reisevariante seines Istanbuler „Museums der Unschuld“. Vom Istanbuler Künstler Ekrem Yalcindag, der an der Städelschule studiert hat, reisen dagegen großformatige Wandarbeiten an im Rahmen eines Ankaufs.

 

Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung, ökologischer Fußabdruck? Wer etwas sehen will von der Welt und ihrer Kunst hat ein Problem mit den Nebenwirkungen. Seitens der Kunsteinrichtungen findet längst ein Umdenken statt. Mehr Ausstellungen aus den eigenen Beständen zu stricken, ist ein Pfad der Problemlösung, der freilich ein neues Problem generiert: Die Menschen kommen in großer Zahl erst dann, wenn Blockbuster angekündigt sind. Daran wird sich nichts ändern. Die Monets, van Goghs, Kandinskys, sie sind die Lokomotiven des Kunstbetriebs.

 

Nun bauen viele Museen ihre digitale Präsenz aus, so nachdrücklich wie versiert und nicht zuletzt in der Absicht, die analoge Inaugenscheinnahme von Kunst zurückzudrängen. Man kann ein Museum heute auf vielen Wegen besuchen – selbst vom Sofa aus. Bloß: Wenn weniger Eintrittsgelder fließen, müssen einzelne digitale Angebote kostenpflichtig sein, um Kosten zu decken.

 

Eine Methode der auch ökologisch orientierten Ausstellungsplanung ist es, Sonderschauen nicht nur an einem Ort zu zeigen, sondern umherreisen zu lassen. Mehrere Schauplätze und koordinierte Gastauftritte, also eine Exponatetournee, versprechen Einsparungen etwa bei der Versicherung und den Katalogkosten. Die Ausstellungsstücke können – einmal reisefertig gemacht – leicht verschiedene Stationen im In- und Ausland nacheinander absolvieren, bevor sie an ihren Heimatort zurückreisen; vorausgesetzt die Leihgeber spielen mit, und viele weitere Aspekte sind geklärt.

 

Gegenwärtig werden Bilder eines Malers, der eigentlich seine Ruhe haben und sie in Stimmungslandschaften wiederfinden und festhalten wollte, hin und her spediert. Die Sonderschau „Caspar David Friedrich und die Vorboten der Romantik“, konzipiert in vortrefflicher Kooperation mit dem deutschen Museum Schäfer, zeigt derzeit das Kunstmuseum Winterthur als erste Schweizer Hommage an den Deutschen überhaupt.

 

In Hamburg stemmt Alexander Klar, langjähriger Leiter des Museums Wiesbaden, eine Friedrich-Ausstellung in Kürze. Die ganz große Geburtstagsfeier steigt indes dort, wo Wiesbadens Museumsdirektor Andreas Henning vor seinem Wechsel nach Hessen beschäftigt war: in der Elbmetropole. Dresden enthüllt im August 2024: „Wo alles begann“.

 

2024 wird der 250. Geburtstag des Ausnahmekünstlers gefeiert: Zu Lebzeiten übrigens nicht weiter beachtet und kein Kandidat für Ankäufe. Das änderte sich erst im 20. Jahrhundert. Plötzlich galt der Sonderling als Superstar. Heute ersehnen alle Friedrich-Ausstellungen gleichermaßen Fluten von Besuchern. Nur dann können Museen existieren und sich legitimieren, während andererseits nichts – eine Internet-Ansicht ebenso wenig wie ein Kalenderblatt – der Kunst-Betrachtung im Original gleichkommt. Nur einem Ort wünscht man möglichst geringen Zulauf: dem Grabmal Friedrichs in einem touristisch unbeachteten Teil von Dresden. Im Moment kann man auf Friedrichs Friedhof für Minuten gar einem Hasen (!) ins Auge sehen, der aus dem Nichts am Grabmal auftaucht und bleibt. Das Tier ist so entspannt, weil kein Mensch in Sicht ist, lebt offenbar auf dem kaum besuchten Gottesacker höchst entspannt. Das wird sich ändern. Des Malers Grab wird gerade für das Jubiläum aufwendig umgestaltet. Irgendwie gut, aber dennoch nicht schön. Ein bisschen Grabpflege tut ja Not. Doch die Grabstätte vom „Wanderer über dem Nebelmeer“: sicherlich Friedrichs Alter ego, sie liegt so verwunschen, dass es romantischer kaum ginge. Nirgends ist man dem weltweit angehimmelten Romantiker näher als auf diesem Fleckchen (Friedhofs-)Erde – nicht einmal in seiner Geburtsstadt Greifswald. Um dorthin zu gelangen, muss man schon wieder zum Zug. Ohne Kunstreise(n) geht einfach nichts.