Kunst x2 – Performance von Alexandra Deutsch in der Ausstellung „second nature“ im Kunsthaus Wiesbaden, Tanz von Liliana Torres
Kunst x2 – Performance von Alexandra Deutsch in der Ausstellung „second nature“ im Kunsthaus Wiesbaden, Tanz von Liliana Torres

Kunst x 2

stellt in jeder Ausgabe zwei Künstlerinnen  oder Künstler aus der Region MainzWiesbaden vor. Diese beantworten unseren „Kunst x 2-Fragebogen“ – eine Spurensuche zu Leben, Kunst und ars vivendi.
Dieses Mal mit Nicole Ahland und  Alexandra Deutsch.

 

Von Marc Peschke

 

Nicole Ahland und Alexandra Deutsch treten uns in ihrer Kunst ganz unterschiedlich entgegen, doch haben die beiden mehr gemeinsam, als man vermuten könnte. Die beiden sind keine Newcomer – ihr Werk ist über Dekaden gewachsen und nicht nur in der Region, sondern auch national und international bekannt geworden. Ahland wurde 1970 in Trier geboren, Deutsch 1968 in Karlsruhe. Beide leben in Wiesbaden, haben an der Akademie für Bildende Künste in Mainz studiert, im Vorstand des Kunstvereins Bellevue-Saal gearbeitet und unterstützen junge Künstlerinnen und Künstler als Mentorinnen. Beide Künstlerinnen sind Christa Moering-Preisträgerinnen der Stadt Wiesbaden – und beide zog es in die Welt: Viele Stipendien und Auslandsaufenthalte prägten und prägen ihre Karriere. Nicole Ahland, die auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Kunsttheorie tätig war, arbeitet mit analoger Fotografie, mit Abstraktionen, Überlagerungen und Unschärfen und misst dem Faktor Licht eine zentrale Rolle zu. Alexandra Deutsch hingegen begeistert mit skulpturalen Arbeiten und Objekten aus Stoff und Papier, die immer wieder von Tanzperformances begleitet werden. Damit erfindet sie analog zur Natur einen poetischen Kosmos.

Was war für Sie der Anlass,
Künstlerin zu werden?

 

Nicole Ahland: Schon als Kind habe ich die enorme Kraft und Dimension von Kunst erfahren können und bin mit der Präsenz ständiger Kreativität aufgewachsen. Mein Vater war Maler, meine Mutter assistierte ihm, eine meiner Schwestern war Keramikerin und die andere hat Räume gestaltet. Dennoch habe ich zunächst eine Handwerksausbildung als Augenoptikerin absolviert. Hierbei habe ich die Faszination für optische Physik entwickelt. Mit Aufnahme des Kunststudiums stand für mich das Medium der Fotografie fest. Hier konnte ich mir mit der analogen Fotografie die ganze Bandbreite der optischen Physik erschließen, die ich bis heute in meinem Werk anwende.
Alexandra Deutsch: Kunst hat bereits durch meinen Vater, den Bildhauer Karl-Heinz Deutsch, in meinem Elternhaus eine zentrale Rolle gespielt. Ausstellungsbesuche und Vernissagen waren alltäglich. Mein eigenes künstlerisches Interesse erwachte als Teenager. Da habe ich bereits gemalt, genäht und Schmuck hergestellt. So kam eine vielleicht vererbte Sensibilität für Ästhetisches mit den Werten und der Lebensweise in meinem Elternhaus zusammen. Für mich stand früh fest, dass ich Kunst studieren wollte.

Was macht Ihre Kunst aus?


Nicole Ahland: Mich beschäftigen die Materialität von Licht und das Wesen von Räumen. So sind es Innenräume, die mir begegnen, deren Raumqualität, Atmosphäre oder Geschichte mich einfangen. Diese Räume können ganz unterschiedlicher Art und Funktion sein, zum Beispiel historische Räume, politische Räume, sakrale Räume, Museen, moderne Architekturen, öffentliche und halböffentliche Räume. Räume, die sich im Umbruch befinden, ihre Geschichte bereits hinter sich haben oder noch in Erwartung ihrer Nutzung stehen. Gesellschaftliche Veränderungen haben unmittelbar Einfluss auf Räume. Ich mache somit subtil auf soziale Veränderungen aufmerksam. Ich bringe die Räume zur Erscheinung, um entweder Erinnerungen zu transzendieren oder um Geschichte zu antizipieren, gar Visionen zu evozieren. So entstehen fotografische Bildkompositionen aus Farbe und Licht, Fläche und Raum, Gegenstand und Atmosphäre.
Alexandra Deutsch: Eine große Sinnlichkeit. Die Liebe zu einerseits starken, lebendigen Farben, dann wieder zu feinen, lasierenden Tönen, die eine große Tiefe erzeugen. Seit dreißig Jahren stelle ich mein eigenes Papier her, aus dem ich plastische Objekte forme. Darin verbinde ich eine räumliche Wirkung mit einer strukturierten Oberfläche und der Bemalung. Die Formen lösen vielfältige Assoziationen aus – meist zu Naturformen, Unterwasserwelten oder mikroskopischen Aufnahmen. Und doch verweisen sie immer wieder auf sich selbst, die Bewegung, auf einen bestimmten Rhythmus in ihnen. Seit einem Arbeitsaufenthalt im Mündungsgebiet des Amazonas in Brasilien 2005 arbeite ich auch mit Stoff. Die meist großen Textilobjekte hängen im Raum oder liegen auf dem Boden. 2007 war ich zwei Monate in Luxemburg, damals Kulturhauptstadt Europas, und habe dort erstmals mit Tänzerinnen gearbeitet. Seit meinem halbjährigen Aufenthalt an der Cité Internationale des Arts in Paris 2019, ermöglicht durch das Landesstipendium von Rheinland-Pfalz, performe ich auch selbst mit meinen Objekten.


Wer oder was hat Sie in Ihrer Arbeit als Künstlerin beeinflusst?


Nicole Ahland: Wenn ich zurückschaue, fallen mir sofort die Filme von Andrei Tarkowski ein, die ich als Jugendliche gesehen habe. Die Bildsprache, Atmosphäre und der Umgang mit Raum und Licht haben sich in mir abgelegt. Aber auch die Malerei, insbesondere die monochrome Malerei, schätze ich sehr. In meiner Zeit in Göttingen noch vor dem Studium habe ich im Atelier des Malers Helmut Bönitz bei größeren Projekten assistiert. Bei ihm habe ich viel gelernt über das Sehen und die Abstraktion. Später während des Kunststudiums, konnte ich mit der präzisen Beobachtungsgabe und dem seriellen Ansatz subjektiver Fotografie meines Professors Dr. Vladimir Spacek
 viel anfangen.
Alexandra Deutsch: Neben der Prägung durch mein Elternhaus fand ich die Werkstätten und Experimentiermöglichkeiten im Studium in Mainz herrlich. In einer Zeit, als es nur zwei Professorinnen an der Kunsthochschule gab, war es wesentlich für mich, in der Papierklasse mit Elfriede Knoche-Wendel ein weibliches Vorbild zu erleben. Meine Reisen und Auslandsaufenthalte, das Kennenlernen anderer Kulturen und der Menschen vor Ort haben mich geprägt und meine Arbeit vorangebracht. Oft haben Künstlerfreundschaften die Türen geöffnet, wie zu Francisco Klinger Carvalho in Brasilien und Kolumbien oder Saleh Lo in Mauretanien. Wichtig ist auch, viel zu sehen, wobei mich Museen der Weltkulturen und die frühen Kulturen besonders interessieren. Aber auch aktuelle Kunst, etwa auf der Biennale in Venedig.

Woraus schöpfen Sie Ihre Kunst und was hat Sie zuletzt inspiriert?


Nicole Ahland: Der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, mein Interesse an Literatur und Film stimulieren mein Tun. Durch etliche Arbeits- und Aufenthaltsstipendien in Deutschland und Europa ist es immer wieder zu interdisziplinärer Zusammenarbeit mit zum Beispiel Schriftstellerinnen und Schriftstellern wie Kerstin Kempker, Jürgen Kross, André Schinkel oder dem Philosophen Christian Rabanus gekommen. Sich aus verschiedenen künstlerischen Ansätzen heraus einem gemeinsamen Thema zu nähern, ist ungemein bereichernd.
Alexandra Deutsch: Kunst entsteht durch die Vertiefung in den Moment. Wir schöpfen aus einem gesammelten Erfahrungs- und Formenschatz. Beim Arbeiten höre ich gerne Musik, was mich in eine bestimmte Energie bringt. Oft ist aber auch ein Dranbleiben notwendig.

 

Wo entstehen Ihre Kunstwerke?


Nicole Ahland: Durch die Art und Weise meiner künstlerischen Praxis bin ich viel unterwegs, um Räume und Orte zu erkunden und zu fotografieren. Daneben dient das Atelier in Wiesbaden zur Konzeption und Ausarbeitung von Werkreihen, Vor- und Nachbereitung von Projekten und Ausstellungen, ist Denkraum und Rückzugsort.
Alexandra Deutsch: In meinem Atelier in Wiesbaden oder bei Arbeitsaufenthalten im Ausland.

Wie leben Sie?

 

Nicole Ahland: Im Zentrum meines Lebens steht die Kunst. Ein Balanceakt zwischen Selbstbestimmtheit und großer Freiheit. Erfüllend und intensiv – ein anderes Leben ist für mich kaum vorstellbar.
Alexandra Deutsch: Kunst und Leben sind eins. Mein Atelier ist Produktionsort, Büro und Ort des Austauschs. Im Sommer sitze ich gerne mit Freund*innen und Kunstinteressierten im grünen Hinterhof, spreche über Kunst und das Leben und organisiere dort auch Hofkonzerte. Für meine etwa zehn bis fünfzehn Ausstellungen im Jahr bin ich mit meinen Galerien in Deutschland und Österreich im Austausch und reise immer wieder nach Wien oder Berlin. Berufliche Fahrten verlängere ich gerne, um mir noch die Städte anzusehen. Paris etwa regt mich an. Dort entwickele ich Projektideen mit der Tänzerin Hiie Saumaa, mit der ich schon in Wiesbaden performt habe.

Was waren die Höhepunkte in Ihrem Leben als Künstlerin?


Nicole Ahland: Da gibt es einige Höhepunkte. Angefangen bei den wunderbaren Reise- und Aufenthaltsstipendien. Oder Kunstpreise und Auszeichnungen, die meine Arbeit gewürdigt haben. Wenn Werke in öffentliche oder private Sammlungen aufgenommen werden, ist die Freude groß. Und natürlich Museumsausstellungen, wie beispielsweise im Museum Wiesbaden oder in San Francisco. Das sind wichtige Etappen, die sowohl Neues im Werk beflügeln, als auch finanziell getragen haben.
Alexandra Deutsch: In diesem vielfältigen und interessanten Beruf waren die Stipendien sehr fördernd, um Projekte zu realisieren oder intensiver zu experimentieren. Daraus resultierten etwa Tanzperformances – meine Lieblingsprojekte, da meine Textilobjekte in Dialog mit dem menschlichen Körper, dem Ort, Musik oder Klängen traten. Alle meine Reiseprojekte waren sehr eindrückliche Zeiten mit einem tiefen Eindringen in andere Länder. Diese Aufenthalte, bei denen ich mehrere Monate vor Ort arbeitete und ausstellte, brachten neue Impulse in mein Werk.

An welchem Projekt arbeiten, von welchem Projekt träumen Sie gerade?


Nicole Ahland: Ich bereite gerade eine umfangreiche Werkpublikation vor. Und es steht eine große Ausstellung über mehrere Etagen in einem renommierten Haus für Fotografie an. Da steht also noch eine Menge Arbeit im Raum. Ich freue mich sehr darauf!
Alexandra Deutsch: Im Januar war ich mit den Künstlerinnen Ulli Böhmelmann und Cornelia Rößler zu einem Arbeitsaufenthalt in Mauretanien. Wir haben dort mit einheimischen Künstler*innen ausgestellt. Die Woche in der Wüste, in der ich Fotos und Performance-Filme mit Textilobjekten aufgenommen habe, war sehr eindrucksvoll. Daran wollen wir mit einer zweiten Reise Anfang 2024 anknüpfen, diesmal mit Unterstützung der Deutschen Botschaft und der Kunstakademie in Nouakchott. Daneben arbeite ich an neuen Papierobjekten für meine Ausstellung in der Galerie Maurer ab September in Frankfurt.

Was wünschen Sie sich als Künstlerin am Kulturstandort Mainz-Wiesbaden

und welche Ideen haben Sie dazu?


Nicole Ahland: Ich wünsche mir in Wiesbaden gute Arbeitsbedingungen für Künstlerinnen und Künstler, damit sich eine qualitätsvolle und vielfältige Kunstszene weiterentwickeln kann. Dazu gehören, neben den städtisch geförderten Atelierhäusern wie Kunsthaus und Walkmühle, weitere bezahlbare Atelierräume auf dem freien Markt. Die Galerieszene in Mainz und Wiesbaden könnte vielfältiger und größer sein, denn Künstlerinnen und Künstler leben davon, dass die Kunst auch gekauft wird. Und dazu tragen Gale­rien unbedingt bei. Worüber ich auch schon eine Weile nachdenke, sind zentrale Werkstätten und ein Tauschort für Werkstoff, Werkzeug und Materialien im Kunstkontext. Es wird zu viel ungenutztes Material vergeudet, etwa Transportkisten und Aufbauten. Hier in Wiesbaden einen Ort für Materialkreisläufe zu haben, offen und nutzbar für alle Disziplinen der Künste, um Ressourcen, Werkzeuge, Geräte und Material nachhaltig zu nutzen, wäre ein großer Wunsch von mir.
Alexandra Deutsch: Ich wünsche mir viele kunstfreudige Menschen, die Kunst kaufen und in ihr Leben nehmen. Mainz fehlt es an guten Ausstellungsorten: Die junge Szene formiert sich zwar durch die PART, auch die Kunsthochschule ist sichtbar. Doch Midcareer-Künstler*innen fehlen Galerien, Kunstvereine oder städtische, gute Räume. Bezahlbare Ateliers bleiben ein Thema. Hier wünsche ich mir städtische Zuschüsse unabhängig von geförderten Atelierhäusern. Förderung freier Projekte, vorhandener Atelier- und Ausstellungshäuser und Ankäufe für die Artothek sind wichtig, um Kunst zu ermöglichen und die kulturelle Vielfalt der Region zu stärken.