Der britische Trompeter Peter Evans ©Leon Senger
Der britische Trompeter Peter Evans ©Leon Senger

Magnet-Festival 2023 –
Mehr als nur eine Menge Konzerte

Ein Rückblick von Leon Senger.

 

Künstler*innen, die etwas zu sagen haben, eine große stilistische Bandbreite, ungewohnte Formate und Locations – das sind die Besonderheiten, mit denen im Mai das Magnet-Festival im und um den Schlachthof Wiesbaden herum zu überzeugen wusste.  Geplant und durchgeführt von einem Team um „JazzArchitekt“ Raimund Knösche und seinen Sohn Leo Wölfel war diese erste Ausgabe des Festivals eine Bereicherung für die Region und hätte Potenzial, dies auch in den nächsten Jahren zu sein.




Neben dem Schlachthof arbeiteten die Veranstalter auch mit der nahegelegenen Kreativfabrik und der Skatehalle zusammen, um den verschiedenen Formaten einen jeweils geeigneten Ort zu bieten. Ein Highlight stellte vor allem die Nutzung der Skatehalle als Konzertsaal dar. Jeweils ein akustisches Solokonzert pro Festivaltag fand dort in einzigartiger Atmosphäre statt. Jeder Laut aus dem Publikum wurde an den glatten Wänden und Rampen vielfach reflektiert und zwang alle zum konzentrierten Zuhören. Die Pianistin Kirke Karja aus Estland beeindruckte dort am Freitag mit fließenden Übergängen zwischen Kompositionen von Paul Hindemith und ihren Improvisationen, die seinen Stil im Moment der Aufführung weiter führten.

An den beiden anderen Tagen waren zudem der äußerst virtuose und kreative Trompeter Peter Evans und die in Köln ansässige Pia­nistin Marlies Debakker zu hören. Letztere nutzte die Akustik der Skatehalle in ihrer Solo-Improvisation gekonnt und ließ dichte Cluster von Klaviernoten durch den Raum fließen.

Andere Acts waren im Gegensatz dazu deutlich elektronischer, wie das Duo von Elvin Brandhi und Lukas Wandinger, die mit Stimme, Schlagzeug und sehr viel Elektronik die Zuhörenden in eine intensive und dunkle Klangwelt hineinzogen. Sie waren eines der „Labore“, bei denen das Festival Raum für forschendes Zusammenarbeiten von Musiker*innen bot, die in dieser Konstellation kein festes Ensemble bilden.

Ein künstlerischer Schwerpunkt des Festivals war die Arbeit des Pianisten und Synth-Musikers Dan Nicholls, der in einem sogenannten „Artist Showcase“ in drei verschiedenen Besetzungen über das Wochenende verteilt auftrat. Gleich bei seinem ersten Auftritt, bei dem er mit Sampler und Synthesizer Aufnahmen seiner Umwelt zu einem meditativen Klangteppich verwob, benannte er als sein Ziel, die Grenzen zwischen Künstler*innen und Publikum einzureißen. Wenn dies vielleicht beim genannten Solokonzert im Kesselhaus in klassischem konzertanten Setting nicht ganz gelang, hatte sich sein Ausspruch dennoch in gewisser Weise durch das gesamte Wochenende gezogen, an dem viele der Künstler*innen für mehrere Tage in Wiesbaden weilten, sich untereinander vernetzten aber auch in Kontakt mit dem Publikum kamen.

Vor allem die „Listening Sessions“, ein weiteres Format, trugen dazu einen großen Teil bei. Bei diesen von der künstlerischen Leiterin des Jazzfest Berlin – Nadine Deventer – moderierten Gesprächen, konnten Besucher*innen einen wertvollen Einblick in die Arbeitsprozesse und Gedanken der Musiker*innen erhalten, die bei Konzerten für gewöhnlich im Verborgenen bleiben.

Eines der Highlights war die Band des Saxophonisten Otis Sandsjö, „Y-Otis“, die am Samstag Abend auch unter Beteiligung von Dan Nicholls im zu diesem Zeitpunkt bereits entstuhlten Kesselhaus auftraten. Ihre rhythmisch sehr komplexe Musik war der perfekte Übergang in den tanzbaren Teil des Festivals. Anschließend konnte nämlich bei der Clubnacht noch bis in den Sonntagmorgen getanzt werden.

Insgesamt also ein Programm, das wohl auch mit dem Gedanken konzipiert worden ist, jüngere Menschen für Musik abseits des allzu Gewohnten zu gewinnen. So jung und weiblich wie das Magnet-Festival auf der Bühne aufgestellt war, sah es beim ersten Anlauf im Publikum noch nicht aus – sicher ist es jedoch ein Schritt in die richtige Richtung. Sollte das Festival sich etablieren können, kann man hoffen, dass es in Zukunft noch mehr der unge Menschen besuchen werden, die sonst in den Locations rund um den Schlachthof durchaus in der Überzahl sind.