Bilderwerfer ©Kirstin Kosemund-Meynen
Bilderwerfer ©Kirstin Kosemund-Meynen

Sommernachtsträume unter freiem Himmel – 25 Jahre Bilderwerfer

Von Janine Seitz

 

Ein Vierteljahrhundert gibt es das Bilderwerfer-Open-Air-Filmfest schon – und bis heute ist es seinem Gründungsmotiv treu geblieben: Umsonst und draußen! Und so wird es auch in Zukunft bleiben.

 

Erster Gedanke: Wow, ein wenig Konstanz und Verlässlichkeit in der Wiesbadener Kulturlandschaft in diesen turbulenten und schnelllebigen Zeiten, gepaart mit ein wenig Nostalgie. Doch das trifft es nicht. Es ist ein Eintauchen in eine wahrliche Ruheoase mitten in der Landeshauptstadt, direkt am Hauptbahnhof. Es ist ein offener, gut sichtbarer Raum und doch scheint man zugleich eine unsichtbare, magische Grenze zu übertreten, hinter der die Welt etwas anders tickt. Etwas langsamer, etwas freundlicher, etwas familiärer. Man fühlt sich als Teil des Ganzen – und es fühlt sich verdammt gut an. Die Rede ist vom jährlich im Sommer stattfindenden Filmfest Bilderwerfer. Seit 1998 freut sich das Publikum auf entspannte Sommerabende auf der Wiese der Reisinger Anlagen. Gerne trifft man sich schon ein, zwei Stündchen vor Einbruch der Dunkelheit (denn erst dann wird der Beamer angeworfen und die Filme gestartet), breitet die Picknickdecken aus, wirft Sitzsäcke auf die Wiese oder klappt die Campingstühle auf. Manche reisen wirklich mit Sack und Pack an, Süßes und Salziges wird geteilt und herumgereicht, Tupperdosen werden ausgepackt. Der eine liest noch ein Buch und genießt die Musik, die bereits aus den Lautsprechern strömt, die andere streckt das Gesicht genüsslich der Abendsonne entgegen. Viele unterhalten sich angeregt.

Das Open-Air-Filmfest ist offen und frei zugänglich für jede*n – genau das war Ende der 1990er Jahre für Ronald Meynen und seine Frau Kirstin Kosemund-Meynen der Grund, den Verein Bilderwerfer ins Leben zu rufen. Zuvor gab es bereits ein Open-Air-Kino, allerdings fehlten dem damaligen Betreiber die finanziellen Mittel und so sollte „ein Zaun gezogen werden und man wollte Eintritt verlangen. Und da haben mein Mann und ich uns überlegt, was braucht’s, um kostenlos ein Open-Air-Kino auf die Beine zu stellen“, so Kirstin Kosemund-Meynen, die Frau des 2012 verstorbenen Gründers, die diese Idee gemeinsam mit inzwischen 20 Vereinsmitgliedern und einem großem Team an freiwilligen Helfer*innen fortsetzt. Während Ronald Meynen zuvor viel selbst geplant hatte, wird die Arbeit seit nunmehr 10 Jahren auf mehrere Schultern verteilt. Moment, kurz zurück zum Zaun: Einmal in der 25-jährigen Geschichte gab es ihn tatsächlich: 2021 mussten aufgrund der Coronamaßnahmen Einlasskontrollen stattfinden. Überlegungen oder Zweifel am Umsonst-und-draußen-Konzept gab es nie. Zahlreiche Herausforderungen rund um Technik, Auflagen und Infrastruktur wurden bislang gemeistert – auch wenn Kirstin Kosemund-Meynen sagt, dass vor allem die hohen Kosten für das Verlegen des Wasser- und Stromanschlusses für den vierwöchigen Zeitraum des Kinofests letztlich Einfluss auf die Filmauswahl haben können; denn Gelder, die in die Infrastruktur gesteckt werden müssen, fehlen dann für das Eigentliche – also das Kino.

Dass sich alles trotz Krisen und Belastungen immer wieder zum Guten fügt, liegt vor allem an einem eingespielten Team. Vor Ort merkt man den ehrenamtlichen Helfer*innen die Freude an der Sache an. Nachdem alles für den Start am Abend soweit vorbereitet ist – die 600 Kilo schwere, aufblasbare Leinwand ist ausgebreitet und bereit, aufgerichtet zu werden, Beamer und Technik sind in Gang gebracht, die Lautsprecherboxen sind platziert und die Getränke- und Snack-Buden sind geöffnet –, setzt man sich für ein gemeinsames Abendessen zusammen. Das Gemeinschaftliche steht grundsätzlich im Mittelpunkt: es geht darum, den Menschen einen angenehmen Abend zu bieten bzw. gemeinsam mit ihnen zu verbringen. Und das gibt das Publikum gleichermaßen zurück: Auch wenn viele ihre eigenen Speisen und Getränke mitbringen, bildet sich vor Filmbeginn eine Schlange am Getränkewagen und am Stand für Snacks. „Die Bereitschaft, die Pfandmarke für die gute Sache zu spenden, ist ebenfalls groß,” so Kirstin Kosemund-Meynen. Natürlich lässt sich durch die Verkäufe und Spenden vor Ort nicht das Filmfest finanzieren – dafür braucht es Sponsoren und Werbepartner; und auch das Wiesbadener Kulturamt fördert den Bilderwerfer e.V. seit Beginn an. Seit neuestem kann man die „Patenschaft“ für einen Filmabend übernehmen, somit lassen sich dann zum Beispiel die Lizenzkosten des Films decken.

Beliebt war das Filmfest bereits von Beginn an. Kirstin Kosemund-Meynen erinnert sich noch an einen Abend im Sommer 2003, als der Film „Bowling for Columbine“ präsentiert wurde. „Da standen die Leute sogar auf der Verkehrsinsel vor dem Bahnhof, das war völligst crazy!“ In der Regel finden sich zwischen 500 und 1.000 Menschen auf der Wiese ein. Das hängt vom gezeigten Film ab, aber auch vom Wochentag – donnerstags ist in der Regel weniger los als am Wochenende –, von anderen Veranstaltungen und vom Wetter. Apropos Wetter: Bei Regen muss die Vorstellung leider ausfallen, in Ausnahmefällen wurde auch schon eine laufende Vorführung abgebrochen – so beispielsweise 2015 bei der düsteren Dokumentation „20000 Days on Earth“ mit dem Kultmusiker Nick Cave, zu der – beinahe atmosphärisch passend – ein heftiges Gewitter aufzog. „Nick Cave sprach über das Göttliche … dann tat es einen Schlag und es fing an zu hageln,” erzählt die Veranstalterin kopfschüttelnd.  

Womit wir bei der Filmauswahl wären – jedes Jahr wird ein spannender Mix gezeigt, brandaktuelle Filme sucht man jedoch vergebens. Und doch findet sich im Programm der eine oder andere Blockbuster. Nun gut, nicht der klassische aus Hollywood, aber preisgekrönte Filme, wie beispielsweise dieses Jahr der Oscar-Gewinner als Bester Film „Everything everywhere all at once“ oder als Abschlussfilm „Close“, der in Cannes den Großen Preis der Jury erhielt. Aber auch Dokumentationen, Inde­pendent-Produktionen und Debüts werden gezeigt – und immer eine internationale Auswahl. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt jedoch, dass nicht (nur) die Zusammenstellung eines ausgewogenen und abwechslungsreichen Programms die große Herausforderung ist. Denn wenn man sich für einen Film entschieden hat, heißt das noch lange nicht, dass man ihn zeigen darf. Die Filmauswahl erfolgt unter den 20 Vereinsmitgliedern demokratisch. Jede*r darf und soll über das Jahr Filme vorschlagen, diese werden dann gesichtet, mit einem Ampelsystem bewertet, kommentiert und diskutiert. Gemeinsam entscheidet man sich dann für eine mögliche Auswahl, denn – und nun kommen wir zur Diskrepanz zwischen wollen und dürfen – und erst dann werden die Aufführungsrechte angefragt. Denn mit den Filmverleihern ist das so eine Sache …

„Das ist immer sehr schwierig. Manche Filmverleiher wollen überhaupt nicht, dass ihre Filme bei freiem Eintritt gezeigt werden. Manche zweifeln an, dass sie in guter Qualität präsentiert werden, weil sich ja inzwischen jeder einen Beamer hinstellen und Filme auf’m Acker zeigen kann.“ Andere – vor allem kleinere Verleiher – freuen sich hingegen sogar, dass ein Film von ihnen ausgewählt wurde. Und auch große Filmverleiher wissen inzwischen um die Professionalität der Bilderwerfer. Kirstin Kosemund-Meynen spricht davon, dass sie eher „Filme auswählen, die unentdeckt geblieben sind oder übersehen wurden. Aber auch Filme, von denen es sich lohnt, sie nochmal anzuschauen.” Auf eine gute Mischung kommt es an. Und dafür sorgen auch die Kurzfilme, die traditionell den Hauptfilm am Abend eröffnen. Diese werden vom Kurzfilm-Experten Carsten Spicher ausgewählt, der auch bei den Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen tätig ist. In der Regel haben sie einen thematischen Bezug zum Langfilm, manchmal sind sie auch vom selben Regisseur bzw. von derselben Regisseurin. Es gibt immer wieder Kooperationen mit Hochschulen, in einem Jahr wurden sogar ausschließlich Abschlussarbeiten von Hochschulstudierenden gezeigt, auch reine Kurzfilmabende haben bereits stattgefunden.


Immer entscheidend war und ist der Zuspruch vom Publikum, all die positiven Rückmeldungen, die die Bilderwerfer im Weitermachen bestärken. Für Experimente und Neues ist man offen – und auch die junge, nachrückende Generation bringt frischen Wind und neue Ideen. 2022 haben die jungen Vereinsmitglieder als Gruppe den Film „Call Me by Your Name“ ins Programm gewählt – dies ist nun auch fürs kommende Jahr geplant. Kirstin Kosemund-Meynen will die Patenschaften für die Filme stärker offerieren und sie wünscht sich Unterstützung von der Stadt, dass eine bessere Lösung für Wasser- und Stromanschluss gefunden werden kann. Auch einen thematischen Schwerpunkt für das Filmfest zu setzen, kann sie sich gut vorstellen. Und besonders freut sie sich, dass sich die jungen Leute mehr und mehr engagieren und das Filmfest mit viel Freude und Verve in die Zukunft tragen. Da bleibt uns nur zu sagen: Auf weitere 25 tolle Jahre „ohne Zaun und Eintritt“ – und Film ab!