Die Geschichte des Velvets Theaters in Wiesbaden erzählen uns die Gründer Dana Bufková, Bedich Hányš sowie Tochter Barbara Naughton, ©Anja Baumgart-Pietsch
Die Geschichte des Velvets Theaters in Wiesbaden erzählen uns die Gründer Dana Bufková, Bedich Hányš sowie Tochter Barbara Naughton, ©Anja Baumgart-Pietsch

Wiesbaden statt Las Vegas

Von Anja Baumgart-Pietsch

 

Eine Lebensgeschichte zwischen Prager Frühling und
Casino in Las Vegas, zwischen „illegaler“ Einreise auf die
Bahamas und Sesshaftwerden in Wiesbaden und vor allem eine
Geschichte von ungebrochener Leidenschaft fürs Theater,  dem Wunsch, Menschen mit den Aufführungen zu berühren und von
unerschütterlichem Optimismus: Die Geschichte des Velvets Theaters in Wiesbaden erzählen uns die Gründer Dana Bufková,
Bedich Hányš sowie Tochter Barbara Naughton lebhaft,
engagiert und spannend.

Als Zuhörerin im Garderobenraum der „Velvets“, wo Dutzende Masken in Plastiktüten verpackt in Regalen stehen, viele Spiegel auf den nächsten Auftritt des Ensembles warten, wo eine Klimaanlage brummt und es ganz diskret nach Gummi „duftet“ – denn im Untergeschoss befindet sich ein großer Reifenhandel – lauscht man atemlos dieser außergewöhnlichen Geschichte,  die für sich genommen schon Stoff für ein spannendes Stück ergeben würde. Oder für einen Thriller auf der großen Leinwand, denn es mangelt nicht an spektakulären Schauplätzen, Dramatik – und vor allem aber nicht an einem Happy End, denn die „Velvets“, wie sie sich seit ihren Anfängen in den frühen 60ern nennen, sind in Wiesbaden angekommen, vernetzt, unverzichtbarer Teil der lokalen Kulturszene. Sie bilden ein kulturelles Alleinstellungsmerkmal für Wiesbaden – ein weiteres professionelles „Schwarzes Theater“ gibt es in Deutschland nämlich nicht. Und die nächsten Generationen nach dem Gründerpaar sind ebenfalls begeistert von diesem Metier und möchten die Tradition fortsetzen: Tochter Barbara Naughton tut es bereits als Mitglied des Theaterleitungsteams, ihre Tochter Valentina, die noch zur Schule geht, wird demnächst in „Momo“ ihre erste Rolle auf der Bühne in der Schwarzenbergstraße spielen.

Aber von vorn. Anfang der 60er Jahre lernten sich Bedřich Hányš und Dana Bufková an der Theater-Akade­mie in Prag kennen. Der jungen Dana fiel Bedřich gleich auf. „Er lief so leichtfüßig, es sah so aus, als ob er gar nicht den Boden berührte“, sagt sie lächelnd und schaut ihren Mann auch nach all den Jahrzehnten noch immer verliebt an. Der lächelt zurück: Hier sind zwei auf gleicher Wellenlänge, das teilt sich dem ganzen Raum mit. Die beiden Schauspiel-Studierenden heirateten 1961 und spezialisierten sich bald auf die Sparte des „Schwarzen Theaters“, einer aus der fernöstlichen Puppenspielkunst entstandenen Sonderform des Theaters. Man konnte damit verblüffende Effekte erzielen, das gefiel den beiden, die damals noch – wie alle Studierenden – im Sommer „Brigadendienst“ leisten mussten, also den Bauern auf dem Feld helfen. In Prag habe es damals wie heute viele kleine Theater gegeben, „jeder kannte jeden“, erzählen sie, so fanden sie ihre ersten Auftrittsmöglichkeiten.

„Bedo“, wie Dana ihren Mann nennt, absolvierte noch eine Pantomime-Ausbildung. Sein großes Idol Marcel Marceau lernte er später einmal in Wiesbaden kennen. „Ich konnte ihm im Theater beim Schminken zusehen und mich mit ihm unterhalten.“ Doch bevor das passierte, bevor sich also die Velvets in der hessischen Landeshauptstadt einrichteten, führte das Schicksal die beiden mit ihren Mitstreitern um die ganze Welt. Internationale Gastspiele konnte man auch von der damaligen „Tschechoslowakei“ aus organisieren, also gastierten die Künstler schon in den 60ern in London und Paris, auch als Repräsentanten ihres Landes. „Dann musste ich zum Militär“ erinnert sich Bedo, während Dana ans Pariser „Olympia“ ging. Später gab es für die ganze Truppe ein Varieté-Engagement in Las Vegas im legendären „Tropicana“. „Das Publikum fand das toll, so etwas hatten die noch nie gesehen“. Im Ausland zu bleiben, darin sahen die beiden noch keinen Sinn, sie wollten nach Beendigung ihres Aufenthalts am „Sunset Strip“ wieder zu ihren Familien nach Hause. Und es war schon damals ein „Aufpasser“ im Auftrag der Regierung dabei, der zusehen und zuhören sollte, was die Künstler im Ausland so vorhatten und mit wem sie sprachen. Aber das nahm man halt hin.


In Prag spielten sie an der berühmten „Laterna Magica“-Bühne, die bereits damals das anbot, was man heute „Multimedia“ nennen würde: Crossover-Projekte zwischen Schauspiel und Film. Mit all diesen Erfahrungen aus den unterschiedlichen Ländern im Gepäck gründeten sie 1967 ihre eigene Gruppe, die „Velvets“, die „Samtenen“, denn schwarzer Samt war der entscheidende Spezialeffekt des Schwarzen Theaters. Es war eine Zeit des Auf- und Umbruchs, der Prager Frühling ließ auf neue Offenheit hoffen. Die Künstler unterzeichneten das „Manifest der 2000 Worte“, initiiert vom Schriftsteller Ludvík Vaculík. Doch die Frühlingsluft währte nicht lange, der Aufstand wurde brutal von den Panzern des Warschauer Paktes niedergeschlagen. Die Sehnsucht nach Freiheit sollte unerfüllt bleiben. Es war den jungen Künstlern bald klar, dass sie in den Westen fliehen wollten. Die siebenköpfige Truppe packte ein paar Requisiten zusammen und brach in eine ungewisse Zukunft auf. „Wir hatten noch ein Konto mit 300 Dollar in Las Vegas, das war alles“, erinnert sich Dana. Mitten im Oktoberfest-Trubel 1968 landete man in München, da gab es keine Möglichkeit, auch nur zu übernachten. Über die Schweiz gelangte man nach Italien, dort wurde eine kleine Tournee organisiert. „Wir wurden dort sehr gefeiert, erhielten Hilfe, knüpften Kontakte, wurden unterstützt“, erzählt Bedo. Aufgeführt wurden eigene, kurze Szenen. Dana wurde schwanger, zeitgleich ergab sich ein Engagement auf den Bahamas. „Im neunten Monat war ich, als wir dort hinflogen.“ Mit den „Ostblock“-Pässen gab es aber keine Einreiseerlaubnis, vor allem habe man seitens der Behörden nicht gewollt, dass das Kind dort zur Welt kommen sollte. „Also wieder zurück nach London“ – dort wurden die Velvets wegen des Versuchs, „illegal das Territorium der Bahamas zu betreten“, angeklagt. Von Bekannten in Holland gab es Hilfe, so dass Tochter Barbara schließlich in diesem Land zur Welt kam. Ein Engagement in England zerschlug sich, „das Niveau schien zu hoch, too sophisticated, so hieß es damals“, wundert sich Bedo noch heute. Dabei sind die Szenen der Velvets mit echtem Herzblut gemacht, wie bei fast allen tschechischen Märchenfilmen und -serien,  man denke an „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ oder „Pan Tau“: Durch und durch menschlich, sympathisch, verspielt, phantasievoll, positiv, berührend. So, dass Kinder und Erwachsene gleichermaßen etwas davon haben.

Schließlich ging es nach Deutschland, nach Wiesbaden, wo das deutsche Fernsehen unter anderem Trickfilmstudios unterhielt. Dana Bufková war nicht nur eine versierte Schauspielerin, sondern beherrschte auch die Technik der filmischen Animation und beteiligte sich an zahlreichen Trickfilmproduktionen. Mit den Theatern Mainz und Wiesbaden gab es gleich eine gute Zusammenarbeit, das erste Stück, „Kontraste“ wurde auf der Wiesbadener Bühne gezeigt, später konnten die „Velvets“ fast zehn Jahre lang als eigene Sparte des Mainzer Theaters agieren. Weiterhin gab es zahlreiche internationale Tourneeaktivitäten. Der Dauerbrenner, noch heute mit Erfolg gezeigt, der „Kleine Prinz“ nach Antoine de Saint-Exupéry, entstand mit seiner ganz speziellen visuellen Poesie im Jahr 1978 – Generationen von Schulklassen haben ihn gesehen und er berührt auch heute noch jene, die sich für diesen Zauber öffnen können.

Es folgten weitere poetische Produktionen, nach Vorlagen aus Opern, Kinderliteratur oder Märchen: Alice im Wunderland, Die Zauberflöte, Pinocchio, Der Zauberlehrling, Die Verwandlung, Schneewittchen, Hoffmanns Erzählungen, Rusalka … Mit den speziellen Effekten des Schwarzen Theaters, der besonderen Beleuchtung, der Fähigkeit der Akteure und Akteurinnen auf der schwarzsamten ausgeschlagenen Bühne, den selbst gebauten skurrilen Masken und Puppen hatten die „Velvets“ bald eine eigene Fangemeinde. Mit der Eröffnung der festen Spielstätte in der Schwarzenbergstraße am Rande der Wiesbadener Innenstadt konnte man sich einen Traum erfüllen. Zwar ist das Theater etwas aus der Mitte Wiesbadens gerückt und man vermutet es zunächst nicht wirklich hier, zwischen Hallenbad, Reifenhandel und Männerheim der Heilsarmee.  Doch spätestens wenn man das Treppenhaus mit den zahlreichen Plakaten betritt, die im Zeitgeist unterschiedlicher Jahrzehnte entworfen wurden, die in vielen verschiedenen Sprachen den Beweis dafür ablegen, wo die „Velvets“ ihr Publikum schon begeistert haben, wenn man sich oben im Theatersaal mit den roten Klappsitzen an der kleinen Bar ein Getränk holt und dann in die märchenhaften Welten, immer mit viel Musik inszeniert, eintaucht – dann weiß man, dass der Weg sich gelohnt hat.

Barbara Naughton, eine ausgebildete Musicaldarstellerin, modernisiert den Spielplan zuletzt mit eigenen Revueproduktionen, von denen eine, „Grenzen-Los“, die Geschichte der Theatergruppe zwischen Prager Frühling und Ankommen in Wiesbaden zum Thema hat. Es gibt aber auch eine witzige Wechseljahres-Revue, „Heiße Zeiten“, immer wieder verschiedene Gastspiele – zum Beispiel mit „Strange Comedy“, einem in Wiesbaden lebenden, britischstämmigen Artistenduo oder der „Bauchsängerin“ und Puppenspielerin Murzarella und anderen Gästen.

Doch den „Kleinen Prinzen“, die Zauberflöte, Momo oder Schneewittchen  wird es immer weiter geben, verspricht Barbara Naughton. „Auch wenn natürlich jetzt andere Bedingungen herrschen als noch vor einigen Jahrzehnten, auch wenn man gegen viele Tricktechniken, die jetzt alle auf ihrem Handy haben, gar nicht mehr richtig ankommen kann: Wir möchten das im Plan behalten.“ Der Zuspruch gibt ihnen Recht: Nach der Coronazeit, die auch diese Gruppe arg gebeutelt hat – „Dank ans Wiesbadener Kulturamt“, sagt Barbara Naughton, „sonst hätten wir das nicht geschafft!“ – kommen jetzt wieder viele Zuschauer ins Theater, um den ganz speziellen Velvets-Zauber zu erspüren.

Auch das Gründerpaar Bedo und Dana, mittlerweile beide weit über 80 Jahre alt, sind kein bisschen müde, sondern wirken aktiv und frisch an den Planungen mit und versprechen auch neue Inszenierungen. Mit vielen Preisen wurden die Velvets ausgezeichnet, erhielten zum Beispiel den begehrten Wiesbadener Kulturpreis im Jahr 2010, 2017 die Stadtplakette in Bronze.  Dazu prangen einige internationale Preise in der Vitrine im Eingangsbereich. Gerade, erzählt Barbara Naughton, hätten leider einige langjährige Ensemblemitglieder das Theater verlassen. „Es ist nicht so einfach, Neue zu finden“ – auch, weil im Schwarzen Theater ja nicht die Schauspielenden selbst im Mittelpunkt stehen, sie sind im Gegenteil gar nicht zu sehen, wenn es nicht eine der neueren Crossover-Revuen ist. Aber so spielt auch Barbara Naughton selbst immer wieder unterschiedliche Rollen, widmet sich ihrem Theater mit Haut und Haaren und genießt das „Familienunternehmen“ der Generationen. Sie beschreibt die Kunst der Velvets als „traurig, lustig, nachdenklich, nie oberflächlich“ – die Stücke berühren, sie verzaubern.


Dass die Familie sich langfristig doch nicht für das „Olympia“ in Paris oder das „Tropicana“ in Las Vegas, sondern für die Wiesbadener Schwarzenbergstraße entschieden hat: Darauf kann die Kulturszene der Landeshauptstadt stolz sein.