3. Ausgabe feuilleton Herbst/Winter 2022

Von Ende September an ist das Kunstmagazin für Mainz/Wiesbaden in allen Kulturorten und in vielen Cafés kostenfrei zu haben. Viel Freude damit  :-)

TITELTHEMA

artist: Jeonghoon Shin, Schwarze Arbeiten auf Moos-Inseln, Ton, Moos, Schaumstoff (Klasse für Bildhauerei, Prof. Sabine Groß)
artist: Jeonghoon Shin, Schwarze Arbeiten auf Moos-Inseln, Ton, Moos, Schaumstoff (Klasse für Bildhauerei, Prof. Sabine Groß)

Rundgang der Kunsthochschule Mainz

 

von Justus Jonas

 

Die Jahresausstellung der Studierenden (kurz: der Rundgang) zählt zum traditionellen Ausstellungshöhepunkt der Kunstakademien. An der Kunsthochschule Mainz findet er zum Ende des Sommersemesters im Juli statt. Vier Tage lang übers Wochenende verwandeln sich die Arbeitsateliers des zentralen Kunsthochschulgebäudes "Am Taubertsberg 6" und seiner Außenstellen mit insgesamt elf künstlerischen Fachklassen zum Ausstellungsparcours für die Öffentlichkeit, der die jüngsten Werke aller ihrer aktuell Studierenden präsentiert. Nach den pandemiebedingten Einschränkungen der beiden letzten Jahre fiel der Rundgang 2022 besonders ambitioniert und vielgestaltig aus.

 

Mit zahlreichen Begleitveranstaltungen wie Performances, Führungen und zentraler Party geht der Rundgang über das Format „offener Ateliers“ hinaus. Für das interessierte Publikum bietet der jährliche Rundgang der Kunsthochschule Mainz einen umfassenden Einblick in die unterschiedlichen Erscheinungsweisen der jüngsten Nachwuchskunst in Rheinland-Pfalz, deren Ergebnisse aus den Bereichen Malerei, Zeichnung, Druckgrafik, Skulptur, Fotografie, Film und Medienkunst auch durch zahlreiche ausgelobte Preise und Stipendien bei der Eröffnung honoriert wurden. Eine Auswahl des diesjährig präsentierten Rundgangs zeigt die nachfolgende Bildstrecke.

 


Sehnsuchtsort Walhalla

 

Von Gudrun Rothaug

 

Vor 125 Jahren wurde das neobarocke Walhalla-Theater in Wiesbaden eröffnet. Seit 15 Jahren ist es im Besitz der Stadt. Seit fünf Jahren darf aus Sicherheitsgründen niemand das Gebäude betreten. Jetzt werden neue Pläne für eine Wiederbelebung des sagenumwobenen Walhalla konkreter.

 

Fällt der Name Walhalla, leuchten in Wiesbaden viele Augen, denn der Ort gehört zur Identität der Stadt. Einerlei, ob man sich noch an die einst glanzvolle Geschichte erinnert, an das Kino im großen Saal, an die legendäre Diskothek „Big Apple“ oder zuletzt an die beliebten Veranstaltungen des Walhalla Theater e. V. im Spiegelsaal, als das Gebäude zum großen Teil schon lange leer stand. Als Problemimmobilie bereitete das Walhalla der Stadt Kopfzerbrechen und als Sehnsuchtsort erhitzt es die Gemüter vieler engagierter Menschen. Die prunkvollen Räume mit Spiegeln, Lüstern und goldbemaltem Stuck werden von Jahr zu Jahr maroder. Gerüchte über Abrisspläne gingen um, denn manche Ungereimtheit und Intransparenz haben Verschwörungstheorien in der Stadt befördert. Wiesbadens Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende hat das Walhalla nun zur Chefsache erklärt. Im Januar dieses Jahres machte er bekannt, dass die Sanierung des bedeutenden Bau- und Kulturdenkmals 2024 beginnen soll, um die authentischen Räume aus der Kaiserzeit zu retten. Zwei, drei Jahre später soll das Walhalla wieder öffnen, als offenes Kulturzentrum mitten im Zentrum Wiesbadens. Gelingt das, kann Wiesbaden stolz auf einen einzigartigen Ort sein, der neue Energie in die Stadt bringt.

 

„Retten, was zu retten ist“

„Werden die neobarocken Räume des Walhalla nicht schnell gesichert, dann zerbröselt es der Stadt unter den Händen“, konstatiert Udo Gleim. Der Architekturprofessor an der Hochschule Darmstadt ist Mitglied des Gestaltungs- und Denkmalrats Wiesbaden. Er hat die Innenräume des Walhalla besichtigt und war beeindruckt und bedrückt zugleich. Fasziniert habe ihn, dass die neobarocke Architekturinszenierung noch immer ihre Kraft entfalte, trotz des langen Leerstands. Bedrückend sei es zu sehen, wie stark die denkmalgeschützten Bereiche vom Verfall bedroht sind und an vielen Stellen der Stuck abfallen ist. Der Gestaltungsrat empfiehlt deshalb dringend, die Sanierung der denkmalgeschützten Räume von einem Konzept für Betrieb und Nutzung abzukoppeln. Zu lange habe sich hier die Katze in den Schwanz gebissen: weil eine Sanierung des Walhallas ohne ein Nutzungskonzept nicht möglich schien -– und umgekehrt.

 

„Jetzt so schnell wie möglich“, sagte auch OB Gert-Uwe Mende Anfang des Jahres in einer öffentlichen Sitzung des Wiesbadener Kulturbeirats. Zugesagte und zu erwartende Fördergelder gingen verloren, wenn die Sanierung nicht 2024 beginnt. Damals präsentierte OB Mende eine Konzeptstudie des Wiesbadener Architekturbüros BGF+ für die Sanierung der sehr verschachtelten Walhalla-Architektur. Diese Studie empfiehlt den Abriss des zum Walhalla gehörenden Gebäudes in der Hochstättenstraße 1. Stattdessen soll in einer jetzigen Baulücke ein Neubau für Fluchttreppenhäuser und technischen Anlagen entstehen. Denkbar wäre der Erhalt der repräsentativen Fassade dieses Klinkerbaus von 1910, sagt Udo Gleim vom Gestaltungsrat. Nicht allen gefällt der Plan, dieses Gebäude abzureißen und für das geplante offene Kulturzentrum wären die kleinen Räume darin gut nutzbar.

Ein neuer Kulturort für die Stadtgesellschaft

Der Kulturbeirat macht sich schon lange für eine Wiederbelebung des Walhalla stark. Ein niedrigschwelliger Kulturort für die gesamte Wiesbadener Bevölkerung soll entstehen, mit langen Öffnungszeiten an sieben Tagen in der Woche und ohne Konsumzwang. Wie Ernst Szebedits, Vorsitzender des Kulturbeirats, betont, sei das neue Walhalla keine Konkurrenz für die lokale Kultur.

 

„Die Aufregung um das Walhalla ist Ausdruck der Faszination, die die Leute kirre macht und hochemotional reagieren lässt.“ So nimmt Marie Johannsen die Stimmung um den sagenumwobenen Kulturort wahr. Sie ist Dramaturgin am Staatstheater Wiesbaden und als Mitglied des Kulturbeirats auch Teil der Steuerungsgruppe, die das Walhalla inhaltlich entwickeln soll. Alle bisherigen Konzepte hätten wiederholt, was es ohnehin schon gibt, so die Dramaturgin. Für ein Walhalla der Zukunft müssten aber die festen Kategorien Club, Kino und Theater aufgelöst werden.

„Das Walhalla ist eine Chance für Wiesbaden, wieder zusammenzuwachsen, als Stadtgesellschaft und Gemeinschaft, ein Ort, an dem man sich grüßt, statt aneinander vorbeizugehen“, sagt Marie Johannsen. Alle sollen sich hier begegnen können: beim Breakdance oder Chorproben, bei politischen Diskussionen oder im Film- und Tonstudio, in dem Jugendliche ihren ersten Rap-Track schneiden. Der große Saal könnte flexibel geteilt werden, ohne feste Bestuhlung und mit Schallschutz-Stellwänden; bewegliche Bühnenelemente könnten immer neue Räume für Aufführungen schaffen. Zum Beispiel für gemeinsame Produktionen, etwa ein Tanzprojekt, musikalisch vom Orchester der Musikakademie begleitet und mit einem Bühnenbild, das Architekturstudierende gestalten. Im neuen Walhalla kann es auch Raum für Computerspielentwicklung und Workspaces geben. Ein Kulturort müsse als Utopie gedacht werden, nicht als Einrichtung, die sich in erster Linie finanziell rechnet. So möchte der Kulturbeirat, dass kein Unternehmen über die Nutzung der Räume entscheidet, sondern ein künstlerisches Kurator*innen -Team.

 

Ein offenes Kulturzentrum in neobarockem Ambiente könnte die Stadt im 21. Jahrhundert enorm aufwerten und beleben, so wie das Walhalla Anfang des 19. Jahrhunderts in der Weltkurstadt und in den 1950er-Jahren in der Filmstadt Wiesbaden.

 

Wallala Walhalla

„Walhalla“ nannten sich Ende des 19. Jahrhunderts viele private Volkstheater -– nach der Ruhmeshalle in der nordischen Mythologie und in Abgrenzung zu den Varietétheatern in Frankreich. Wiesbadens Walhalla wurde 1897 als prachtvolles Spezialitätentheater mit Großrestaurant vom Bauunternehmer Jakob Rath eröffnet. Die Stadt hatte sich vom Dorf zum Weltkurort entwickelt und prunkvolle Villen und Kulturbauten waren entstanden. Nur drei Jahre nach dem kaiserlichen Hoftheater öffnete das Walhalla, das ein vergnügliches Pendant zum Hochkultur-Theater war. Ins Walhalla strömten die Menschen, um zu speisen und Operetten, Revuetheater und Kabarett zu sehen. Im großen Saal tanzten Artisten auf dem Eis und segelten durch die Lüfte; sogar einen Elefanten hatte man zum 10-jährigen Bestehen in den großen Saal gehoben. Im Untergeschoss gab es eine Bar und eine Kegelbahn. Von Beginn an wurden Filme gezeigt und zwischen den damals kurzen Filmen unterhielt man das Publikum mit Varieté-Nummern. Zu Stummfilmen spielte eine große Kinoorgel, die heute im Düsseldorfer Filmmuseum steht.

 

Ab den 1920er-Jahren betrieben August Zickenheimer und sein Sohn Wilhelm ein Kino im großen Saal. Wilhelm Zickenheimer, der im Nationalsozialismus das KZ überlebt hatte und im Klinkerbau des Walhalla in der Hochstättenstraße 1 wohnte, eröffnete 1950 im Keller des Hauses das Lichtspieltheater „Bambi“. Hier sah Volker Schlöndorff als Kind mit der gleichnamigen Disney-Produktion seinen allerersten Kinofilm. Der Oscar-Preisträger hat sich im vergangenen Jahr bei einem Konzept-Workshop für das Walhalla engagiert. Schließlich wurde hier der Grundstein für seine Karriere gelegt. Andere waren schon berühmt, als sie dem Walhalla einen Besuch abstatteten. Maria Schell kam in den 50er-Jahren gerne zu den Spätvorstellungen ins Bambi, in einer Zeit, als Wiesbaden zur Filmstadt avanciert war. Auf dem Gelände „Unter den Eichen“ war 1949 eine Filmproduktionsstätte mit Kopieranlage und Filmateliers entstanden und so kam es, dass auch Zsa Zsa Gabor das Walhalla besuchte, genauso wie Elvis Presley während der Dreharbeiten für den Film „Café Europa“. 1946 fand im Walhalla sogar der konstituierende Festakt zur Gründung des Landes Hessen statt, weiß der Architekt und Bauhistoriker Martino La Torre. Er kennt die gesamte Geschichte und engagiert sich leidenschaftlich für das Walhalla. „Am Walhalla wird die Stadt gemessen werden, am bisherigen Umgang damit und auch am zukünftigen. Und je größer man jetzt versucht, am Rad zu drehen, umso kleiner wird das Ergebnis“, sagt Martino La Torre. Er war an einem Konzept beteiligt, das die Gruppe „Walhalla-Studios“ zur Wiederbelebung des Walhalla im Jahr 2017 in der Stadt vorgestellt hat.

 

Von Plänen und Konflikten

Alle bisherigen Versuche, das Walhalla als Ganzes wieder zu beleben, sind gescheitert. Mehrere private Investoren schmiedeten Pläne –- keiner ging auf. Seit über 30 Jahren steht das Walhalla nun schon zu großen Teilen leer. Ab 2001 bespielten die Theaterleute um Schauspielerin Sigrid Skoetz das Foyer und den Spiegelsaal mit einem anspruchsvollen Programm. 2007, vor fünfzehn Jahren, konnte sich die Stadt die Planungshoheit über diesen zentralen Ort in der Innenstadt sichern. Damals kaufte die städtische Tochtergesellschaft WVV das Gebäude für 2,5 Millionen Euro. Und man blieb nicht untätig: 2014 wurde ein Stegreif-Wettbewerb ausgeschrieben. Das Wiesbadener Architekturbüro BGF+ gewann und präsentierte als Betreiber das bundesweit agierende GOP-Theater. In Wiesbaden gab es Proteste gegen ein Varieté-Theater mit Produktionen von der Stange, die das GOP-Theater in sieben Städten der Republik reihum zeigt und die sich hauptsächlich über ein Gastronomiekonzept finanzieren. Für das Walhalla Theater e. V. wäre kein Raum mehr gewesen und anstelle des beliebten Bambi-Kinos hatte der Architektenentwurf ursprünglich eine Toilettenanlage geplant. Die Empörung war groß und die Gruppe „Walhalla Studios“ um Martino La Torre und den Designer Michael Müller entwickelte ein Konzept unter dem Namen „Zurück in die Zukunft“. Das Bambi-Kino und Walhalla Theater e. V. hätten ihre Bleibe behalten. Mehrere Betreiber waren mit im Boot, darunter das Tivoli Theater Hamburg, das Ballhaus Berlin und der Caterer Kofler. Den Verantwortlichen in der Stadt schien dieses Konzept zu riskant, schrieb der Wiesbadener Kurier am 13.02.2017. Am Ende gab es dann gar keinen Plan mehr und das Gebäude wurde vollständig geschlossen. Ein Brandschutz-Gutachten hatte eine „Gefahr für Leib und Leben“ ausgewiesen und der völlige Leerstand seit fünf Jahren beschleunigt den Verfall des seitdem unbeheizten Gebäudes.

 

Wie geht es weiter?

Zum Nutzen der Stadtgesellschaft kann kein alleiniger Betreiber das Walhalla mit einem vorgefertigten Programm bespielen, davon ist der Wiesbadener Kulturbeirat überzeugt. Auch die Stadt hat 2020 die Suche nach einer solchen Lösung aufgegeben.

Jetzt nimmt das Bauvorhaben Fahrt auf; knappe 50 Millionen Euro sind dafür veranschlagt. Im Juli dieses Jahres hat das Stadtparlament Planungsgelder freigegeben. Eigentlich wäre für Sanierung und Umbau des Walhalla die Ausschreibung eines Architekturwettbewerbs geboten -– in Anbetracht der großen Bedeutung des Gebäudes und der Stadt Wiesbaden mit seiner wertvollen historischen Architektur. Weil es jetzt aber eilt, soll in einem Standard-Vergabeverfahren ein geeignetes Architekturbüro gefunden und Anfang 2023 beauftragt werden.

 

Viele Probleme sind noch zu lösen. So müssen Bau und Nutzung jetzt prozesshaft möglichst eng aufeinander abgestimmt werden. Welches künstlerische Profil wird das Haus haben, welches Raumkonzept wird gebraucht, wer wird es nutzen und betreiben? Ungeklärte Fragen, auf die eine Steuerungsgruppe konkrete Antworten sucht. Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende hat diese Gruppe aus Vertreter*innen aus Kulturbeirat, Kulturpolitik, Denkmalschutz, Politik und Verwaltung im vergangenen Mai eingesetzt. Eine Projektleitung, direkt beim Oberbürgermeister angesiedelt, (bei Redaktionsschluss am 5.8.22 war die Ausschreibung noch in Arbeit) soll die Gruppe dabei unterstützen, dem Walhalla der Zukunft ein gutes künstlerisches Profil zu verleihen und ein Raumkonzept zu entwickeln. Dann kann die Vision Wirklichkeit werden, dass sich in ein paar Jahren alle Menschen im Walhalla wohlfühlen, ob beim Breakdance oder Tango, bei einer politischen Diskussion, oder einer spektakulären Performance, bei Kaffee und Kuchen oder im Kino.

 


2. Ausgabe feuilleton Frühjahr/Sommer 2022

Von Ende März an ist das Kunstmagazin für Mainz/Wiesbaden in allen Kulturorten und in vielen Cafés kostenfrei zu haben.

Eine Art Doppelpack und stets unter Strom

Kunst, Kochen und rege Kommunikation prägen prominente Künstlerhaushalte in Wiesbaden und Mainz

 

Künstlerpaare – hier nicht zu verwechseln mit Künstlerduos wie Gilbert und George oder Ehepaaren, die eng kooperieren wie Christo und Jeanne-Claude und eine inspirierte Arbeitsteilung pflegen -, sind zahlreich.

 Überraschend indes, dass in der Region sehr viele leben, die schon seit Jahrzehnten

zusammen sind und einander beflügeln.

Von Dorothee Baer-Bogenschütz.

 

„... ohne Langeweile, ohne Apathie verbrachten sie ihre Tage. Matte Blicke und Worte wurden nicht gewechselt; das Gespräch kam bei ihnen nie zu einem Ende und pflegte oft leidenschaftlich zu sein“. Olga und Andrej war sie vergönnt: fruchtbare Zeit zu zweit. Die beiden Romanfiguren in der Trägheitsstudie „Oblomow“ aus der Feder von Iwan Gontscharow, die großen Eindruck machte auf seinen mit Wiesbaden verbundenen Landsmann Dostojewski und nicht zuletzt mit Blick auf die Frau als Partnerin auf Augenhöhe verfasst wurde, bilden Gegenpole zum Titelhelden: Der immer müde Oblomow ist die personifizierte Lethargie, sein rühriger Freund und dessen hellwache Gefährtin beflügeln einander unermüdlich.

 

So ein Paarlauf muss was Wunderbares sein, schon gar wenn zwei Menschen Kunst schaffen. Man mag sich vorstellen, dass schöpferische Zweisamkeit der Zenit ist beim Höhenflug solitärer Künstlerexistenz. Ist es so? Im Raum Mainz-Wiesbaden leben prominente Künstlerpaare, die inzwischen Jahrzehnte zusammenschweißen. feuilleton gewährten sie erstmals Einblick in ganz Privates. Sie schildern ihr Kennenlernen, den Tagesablauf, den Spagat zwischen Kunst und (Beziehungs-)Alltag.

 

Bemerkenswert, dass alle sich weit über die körperlich-geistige Anziehung hinaus ergänzen. „Wir arbeiten häufig an den gleichen Themen, auch wenn der bildnerische Ausdruck sehr unterschiedlich ist“, stellt Kerstin Jeckel fest, seit 1999 verheiratet mit Karl-Martin Hartmann. Eine Liebe mit Wiege in Wiesbaden. 1981 planten hier ansässige Freunde, sie zu verkuppeln. Jeckel: „Sie hatten recht, es hat gepasst.“ Hartmann studierte seinerzeit an der Städelschule in Frankfurt, seine neue Freundin „war auf dem Weg dorthin“. Gemeinsame Akademiejahre folgten, ein adäquates Atelier hatte sich in Wiesbaden gefunden.

 

Wirkt sich das Zusammensein mit einem kreativen Geist auf die eigene künstlerische Entwicklung aus? „Definitiv“, findet die Mainzer Malerin Christiane Schauder, die bei einem Filmseminar in Remscheid im Januar 1987 Günter Minas kennenlernte, ihn zufällig bei einem Wochenendseminar wiedertraf und noch im selben Jahr mit ihm zusammenzog. Minas habe damals in Zusammenarbeit mit den Goethe-Instituten Auslandsprojekte gestemmt, „wobei ich ihn so oft wie möglich begleitet habe, was neue Kontakte und Erfahrungen zur Folge hatte“. „In meiner Schriftstellerei, Theater- und Filmarbeit sehe ich eigentlich keinen Einfluss der Paarbeziehung“, erklärt dagegen Minas.

 

Das Miteinander habe „das eigene Handeln oft relativiert“, Neupositionierung angeregt oder „die eigene Sicht“ bestärkt, konstatiert Hartmann, „Kerstins Malerei ist für mich immer wieder Inspiration und eine Hilfestellung bei meinen Bemühungen“. Kein Tag vergeht ohne Austausch über die aktuellen Vorhaben des anderen.

Nina Stoelting begrüßt den positiven Einfluss der Paarkonstellation auf die Vermarktung, „da sich die Kontakte addieren und manche das Paar als Thema gut finden“. Gern stellt sie zusammen mit Gábor Török aus, den sie 1994 in Frankfurt kennenlernte. Schließlich harmonierten beider Arbeiten „wunderbar“. Genauso wie das symbiotische Paar. Debattieren auch sie regelmäßig über die jüngsten Einfälle des Partners?„Selbstverständlich“, sagt Stoelting, „wobei Gábor sich nur äußerst knapp äußert.“ „Ja, natürlich“, bestätigt der, „Nina ist die letzte Instanz.“

 

Außenstehende liegen nicht ganz falsch, wenn sie sich vorstellen, dass in einem Künstlerhaushalt ständig der Wind des Erhabenen die Gardinen bläht. Kunst sei Hauptthema, bestätigt Schauder. Minas und sie sprächen freilich nicht nur über ihre Arbeitsgebiete, sondern über Literatur, Musik, darstellende Kunst. Dazu hätten sie „die tagespolitischen Themen fest im Blick wie etwa Tierschutz, Klimawandel, Stadtplanung“.

 

Bei Edgar Diehl, der seine große Liebe auf spektakuläre Weise fand: unter Wasser, bei einem Tauchgang auf den Malediven, liegen die Dinge etwas anders: „Wie soll man über das, was man aktuell visuell erarbeitet, verbal kommunizieren?“, fragt er zurück. Zudem schiebe sich im Alltag das Organisatorische vor das Inhaltliche. „Ich wundere mich oft, mit welcher Inbrunst und Ausdauer Kollegen und Kolleginnen über ihre Arbeit reden können und die Zuhörer mit Details traktieren“, sagt Diehl, „wie ein Sturm ohne Umkehr, der immer aus einer Richtung weht.“

 

Mit seiner Frau diskutiere er Gesamtergebnisse: „Bei Angelika kann man dem nicht entgehen, was sie auf die Beine gestellt hat, ist groß“. Angelika Diehl ist nicht nur mit dem Maler, sondern auch mit dem Tanz verheiratet. Die Inhaberin des Wiesbadener „Lalit Tanzstudio“ ist etwa beim Wilhelmstraßenfest mit ihren Choreographien präsent. Eine Produktion, für die sich ihr einst sogar die Tür des Staatstheaters öffnete, betitelte sie – beflügelt durch ihre Beziehung? – „Moments in Love“. Ihrerseits steht die Mutter zweier Kinder allerdings ungern im Rampenlicht, mag daher auch feuilleton-Fragen nicht beantworten. Ebensowenig wie das Wiesbadener Paar Christiane Erdmann und Wulf Winckelmann, das Gemeinschaftsausstellungen verzeichnet, jedoch nichts Privates preisgeben will: „Für eine breite Öffentlichkeit sind nur die Ergebnisse unserer Arbeit bestimmt und nicht unser Privatleben.“ Ein Korb kommt auch aus Ingelheim: „Wir haben in Sachen Kunst beschlossen, nicht gemeinsam in Erscheinung zu treten“, sagen Katja und Jesco von Puttkamer.

 

Diehl hat kein Problem damit, Persönliches zu offenbaren, ist umso mitteilsamer, je weniger er über seine Kunst reden muss: „Das langweilt mich, Werke muss man anschauen.“ Wenn er beobachten dürfe, dass jemand konzentriert eine seiner Arbeiten betrachtet, sei ihm das mehr wert als jedes verbale Lob. Die Sicht seiner Partnerin ist ihm gleichwohl teuer: „Das Urteil meiner Frau ist treffsicher. Da genügt meist ein Satz.“ Sie hätten „denselben Begriff von künstlerischer Qualität“, fühlen sich unter anderem verbunden in ihrer Begeisterung für die Ballettkunst von William Forsythe. Diehl: „Das nichtnarrative zeitgenössische Ballett ist der gegenstandsfreien Kunst sehr nahe und damit auch meiner Arbeit, ich liebe es.“

Interessant, einmal zu erfahren, was Menschen, die so viel gemeinsam haben, gemeinsam unternehmen und tun, wenn es mal nicht um Kunst geht – und was eher nicht. „Einkaufen gehen wir lieber allein“, sagt Schauder, die sich „gern im Bett von Minas vorlesen“ lässt. Beide hätten daneben aber auch ihre eigene Lektüre. Jeckel schaut „mit einem Handarbeitsprojekt“ im Schoß „Tatort“, der ihren Mann nervt. Sie begleitet ihn derweil nicht „auf seinen endlosen Waldspaziergängen“ und geht auch „nicht mit in die Pilze“. Beim Opern-Abo und dem Interesse für Wiesbadener Geschichte treffen sie sich dann wieder. Ab und an braucht Hartmann, der derzeit unter dem Arbeitstitel „Wunderkammer“ eine Arbeit für das Museum Ernst realisiert, auch Alleinzeit fürs „Träumen und Visionen“.

 

Stoelting und Török teilen jenseits der Kunstaktivitäten jede Menge Hobbys: Wanderreiten, Alpenüberqueren, Einigeln in einsamen Hütten. Zu Hause in Wiesbaden steht der Sport im Vordergrund. Während er sich im Fechten übt, sitzt die passionierte Reiterin im Sattel, schwimmt oder jagt.

 

Und wie ist der Tagesablauf in so einer Künstlerehe, werden beispielsweise die Mahlzeiten zwischen Farbtuben und Staffelei heruntergeschlungen oder gar vergessen? „Heilig ist uns das gemeinsame Abendessen, bei dem alle Themen besprochen werden“, verrät Stoelting. Das sei ihre „meeting time“, nickt ihr Mann, „am schön gedeckten Tisch mit kreativem Essen und gutem Wein“. Törok: „Wir haben keinen Fernseher, wir reden miteinander.“

 

Köstlich allein schon die Arbeitsteilung. Gefragt, ob die Küche ein wichtiger Ort ist und zusammen gekocht wird, sagt Stoelting trocken: „In der Küche füttere ich den Hund.“ – „Wenn wir zu Hause sind, bekoche ich jeden Abend meine Frau, und das mache ich gern“, schwärmt Török. Stoelting erledige in dieser Zeit Bürokram. „Umgekehrt wäre das Ergebnis – was die Büroarbeit betrifft – schlechter“, lacht der Bildhauer.

 

Auch Jeckel muss nicht an den Herd. Meist kaufe ihr Mann ein und koche, mit Ausnahme derjenigen Gerichte, für die sie „zuständig“ sei. Wie Stoelting ist Jeckel Stil wichtig: „Wir haben gern einen schön gedeckten Tisch, an dem wir an langen Abenden mit Wein und schönem Essen das Leben und die Kunst besprechen.“ Das Frühstück dreht sich um die Tagesplanung, beim Dinner ziehen sie Bilanz.

 

Schauder und Minas sehen sich nach dem Milchkaffee am Morgen spätestens beim Abendessen wieder in die Augen, nicht selten jedoch zu später Stunde, nach den Kulturevents. Während Corona etablierten sie ein „neues Ritual“, freut sich Schauder: „der gemeinsame Aperitif in meinem Erker mit Blick auf die Rheinpromenade.“ Klingt herrlich romantisch. Beide lieben Kochen: „Die Küche ist der Mittelpunkt unserer Wohnung“. Zubereitet werden zuweilen Wild, Meerestiere oder „Exotisches“. Käse kommt bevorzugt aus dem Burgund, Fertiggerichte sind tabu.

 

Müssen derweil Künstlerpaare vor allem in der Außenwahrnehmung darauf achten, nicht zu sehr zusammenzubacken, um als Individuum mit singulärer Position registriert zu werden und nicht vorwiegend als Frau oder Mann des – vielleicht sogar berühmteren – Partners? „Nein“, meint Schauder, „trotz vieler gemeinsamer Interessen und Projekte macht jeder sein persönliches Ding und hat seine Reputation. Ich glaube, man nimmt uns als Einzelschaffende wahr, die häufig gemeinsame Sache machen.“ – „Die Frage hat sich bisher bei uns nie gestellt“, sagt Jeckel, „ich denke, wir sind eine Art Doppelpack, aber unsere Eigenständigkeit ist sehr gut sichtbar.“ – „Letztlich ist jeder Künstler ein Egoist“, gibt Stoelting zu bedenken, „sonst funktioniert Kunst nicht.“ Während Török, beherzter Lakoniker, der er ist, eine Formulierung aus der Tasche fischt, die fürwahr eine Liebeserklärung ist: „Meine Frau ist meine beste Visitenkarte.“

Diehl nimmt, zumal seine Frau eine andere künstlerische Disziplin vertrittt, nicht an, bei Dritten womöglich als Anhängsel zu gelten. Erstmals habe er in diesem Februar eine eigene Arbeit ins „Lalit Tanzstudio“ gehängt: „Angelika wollte das.“ Die Kollegen verstünden seine jahrelange Zurückhaltung zwar nicht, doch Diehl weiß: „Leute die zum Tanzen kommen, nehmen kaum Bilder wahr.“ Andererseits besuchten bildende Künstler in der Regel keine Ballettaufführung.

 

Unterm Strich offenbaren die Künstlerhaushalte routinierte Abläufe mit vielen Wohlfühlmomenten. Offenkundig ist es leichter, das Leben zu meistern, wenn der Partner ebenfalls in der Kunst engagiert ist. Oder kann das auch den Wunsch nach Abgrenzung nähren? „Wenn einer von beiden zu Neid neigt, dann wird das so sein“, glaubt Diehl. „Wir sind uns sicher“, so Schauder, „dass unsere Beziehung ohne das gegenseitige Verständnis für die Lebensart und die künstlerischen Interessen nicht funktionieren würde.“

 

Jeckel und Hartmann, gebürtige Wiesbadener wie Stoelting, empfinden es als „großes Glück“, dieselbe „Lebensaufgabe“ zu haben. Verständnis sei auch dann garantiert, wenn der eine die Wünsche des anderen gerade einmal nicht erfüllen kann. Die Arbeit gehe nun mal vor. Jeckel: „Wir sind dankbar, dass wir uns immer zugewandt und respektvoll austauschen können.“ Dabei seien sie selbst ihre größten Kritiker und diesbezüglich „ziemlich gnadenlos“.

 

„Als Hauptproblem habe ich immer das potenzierte wirtschaftliche Risiko wahrgenommen“, gesteht Stoelting. Der gebürtige Ungar an ihrer Seite dagegen meint nur, man möge „Künstler als Menschen“ doch bitte schön nicht überbewerten. Nur müssen sie sich eben völlig anders verkaufen als andere Soloselbstständige. Wo wohl die wichtigsten Sammler der Künstler sitzen? „Ich warte noch auf sie“, so augenzwinkernd Török, der bei Redaktionsschluss eine Einzelausstellung im Museum Wiesbaden eröffnete. Stoeltings naturnahe Kunst stößt insbesondere auf Begeisterung in der Schweiz, Schauder hat viele Fans im Süden Deutschlands, Jeckel im Rhein-Main-Gebiet, ebenso in den USA. Minas’ Projekte und Ideen sind national wie international willkommen.

 

Und wohin zieht es die Vielbeschäftigten, wenn sie mal nicht ins Ballett oder zur Vernissage müssen? Die Mainzer Feinschmecker mögen neben Asien oder Afrika besonders Frankreich, die Pfalz, das Elsass sowie Schiffstouren in den Rheingau. Ihr Auto haben sie abgeschafft. Stoeltings Lieblings(flucht-)ort ist Berlin, „und wenn es schnell gehen muss, Frankfurt“, Török entspannt im toskanischen Pietrasanta, Jeckel in England, Schottland oder auf den Shetland-Inseln. Hartmann träumt von Tasmanien, während Diehl sein „Inneres“ aufsucht, wenn er den Eindruck hat, dass Tapetenwechsel nötig ist.

 

Ja kommt in einem derart ausgefüllten Alltag auch irgendetwas zu kurz? „Mit unserem Katerchen schmusen, Zeitungen ausführlich lesen, Sport und Bewegung“, bekennt Schauder. Jeckel zählt auf: „Housekeeping, der Garten, Freunde, Familie.“ Diehl fällt nur eins ein: „Langeweile!“ Oblomow lässt nicht grüßen.