2. Ausgabe feuilleton Frühjahr/Sommer 2022 ist da!

Seit Ende März ist das Kunstmagazin für Mainz/Wiesbaden in allen Kulturorten und in vielen Cafés zu haben. Viel Freude damit  :-)


Eine Art Doppelpack und stets unter Strom

Kunst, Kochen und rege Kommunikation prägen prominente Künstlerhaushalte in Wiesbaden und Mainz

 

Künstlerpaare – hier nicht zu verwechseln mit Künstlerduos wie Gilbert und George oder Ehepaaren, die eng kooperieren wie Christo und Jeanne-Claude und eine inspirierte Arbeitsteilung pflegen -, sind zahlreich.

 Überraschend indes, dass in der Region sehr viele leben, die schon seit Jahrzehnten

zusammen sind und einander beflügeln.

Von Dorothee Baer-Bogenschütz.

 

„... ohne Langeweile, ohne Apathie verbrachten sie ihre Tage. Matte Blicke und Worte wurden nicht gewechselt; das Gespräch kam bei ihnen nie zu einem Ende und pflegte oft leidenschaftlich zu sein“. Olga und Andrej war sie vergönnt: fruchtbare Zeit zu zweit. Die beiden Romanfiguren in der Trägheitsstudie „Oblomow“ aus der Feder von Iwan Gontscharow, die großen Eindruck machte auf seinen mit Wiesbaden verbundenen Landsmann Dostojewski und nicht zuletzt mit Blick auf die Frau als Partnerin auf Augenhöhe verfasst wurde, bilden Gegenpole zum Titelhelden: Der immer müde Oblomow ist die personifizierte Lethargie, sein rühriger Freund und dessen hellwache Gefährtin beflügeln einander unermüdlich.

 

So ein Paarlauf muss was Wunderbares sein, schon gar wenn zwei Menschen Kunst schaffen. Man mag sich vorstellen, dass schöpferische Zweisamkeit der Zenit ist beim Höhenflug solitärer Künstlerexistenz. Ist es so? Im Raum Mainz-Wiesbaden leben prominente Künstlerpaare, die inzwischen Jahrzehnte zusammenschweißen. feuilleton gewährten sie erstmals Einblick in ganz Privates. Sie schildern ihr Kennenlernen, den Tagesablauf, den Spagat zwischen Kunst und (Beziehungs-)Alltag.

 

Bemerkenswert, dass alle sich weit über die körperlich-geistige Anziehung hinaus ergänzen. „Wir arbeiten häufig an den gleichen Themen, auch wenn der bildnerische Ausdruck sehr unterschiedlich ist“, stellt Kerstin Jeckel fest, seit 1999 verheiratet mit Karl-Martin Hartmann. Eine Liebe mit Wiege in Wiesbaden. 1981 planten hier ansässige Freunde, sie zu verkuppeln. Jeckel: „Sie hatten recht, es hat gepasst.“ Hartmann studierte seinerzeit an der Städelschule in Frankfurt, seine neue Freundin „war auf dem Weg dorthin“. Gemeinsame Akademiejahre folgten, ein adäquates Atelier hatte sich in Wiesbaden gefunden.

 

Wirkt sich das Zusammensein mit einem kreativen Geist auf die eigene künstlerische Entwicklung aus? „Definitiv“, findet die Mainzer Malerin Christiane Schauder, die bei einem Filmseminar in Remscheid im Januar 1987 Günter Minas kennenlernte, ihn zufällig bei einem Wochenendseminar wiedertraf und noch im selben Jahr mit ihm zusammenzog. Minas habe damals in Zusammenarbeit mit den Goethe-Instituten Auslandsprojekte gestemmt, „wobei ich ihn so oft wie möglich begleitet habe, was neue Kontakte und Erfahrungen zur Folge hatte“. „In meiner Schriftstellerei, Theater- und Filmarbeit sehe ich eigentlich keinen Einfluss der Paarbeziehung“, erklärt dagegen Minas.

 

Das Miteinander habe „das eigene Handeln oft relativiert“, Neupositionierung angeregt oder „die eigene Sicht“ bestärkt, konstatiert Hartmann, „Kerstins Malerei ist für mich immer wieder Inspiration und eine Hilfestellung bei meinen Bemühungen“. Kein Tag vergeht ohne Austausch über die aktuellen Vorhaben des anderen.

Nina Stoelting begrüßt den positiven Einfluss der Paarkonstellation auf die Vermarktung, „da sich die Kontakte addieren und manche das Paar als Thema gut finden“. Gern stellt sie zusammen mit Gábor Török aus, den sie 1994 in Frankfurt kennenlernte. Schließlich harmonierten beider Arbeiten „wunderbar“. Genauso wie das symbiotische Paar. Debattieren auch sie regelmäßig über die jüngsten Einfälle des Partners?„Selbstverständlich“, sagt Stoelting, „wobei Gábor sich nur äußerst knapp äußert.“ „Ja, natürlich“, bestätigt der, „Nina ist die letzte Instanz.“

 

Außenstehende liegen nicht ganz falsch, wenn sie sich vorstellen, dass in einem Künstlerhaushalt ständig der Wind des Erhabenen die Gardinen bläht. Kunst sei Hauptthema, bestätigt Schauder. Minas und sie sprächen freilich nicht nur über ihre Arbeitsgebiete, sondern über Literatur, Musik, darstellende Kunst. Dazu hätten sie „die tagespolitischen Themen fest im Blick wie etwa Tierschutz, Klimawandel, Stadtplanung“.

 

Bei Edgar Diehl, der seine große Liebe auf spektakuläre Weise fand: unter Wasser, bei einem Tauchgang auf den Malediven, liegen die Dinge etwas anders: „Wie soll man über das, was man aktuell visuell erarbeitet, verbal kommunizieren?“, fragt er zurück. Zudem schiebe sich im Alltag das Organisatorische vor das Inhaltliche. „Ich wundere mich oft, mit welcher Inbrunst und Ausdauer Kollegen und Kolleginnen über ihre Arbeit reden können und die Zuhörer mit Details traktieren“, sagt Diehl, „wie ein Sturm ohne Umkehr, der immer aus einer Richtung weht.“

 

Mit seiner Frau diskutiere er Gesamtergebnisse: „Bei Angelika kann man dem nicht entgehen, was sie auf die Beine gestellt hat, ist groß“. Angelika Diehl ist nicht nur mit dem Maler, sondern auch mit dem Tanz verheiratet. Die Inhaberin des Wiesbadener „Lalit Tanzstudio“ ist etwa beim Wilhelmstraßenfest mit ihren Choreographien präsent. Eine Produktion, für die sich ihr einst sogar die Tür des Staatstheaters öffnete, betitelte sie – beflügelt durch ihre Beziehung? – „Moments in Love“. Ihrerseits steht die Mutter zweier Kinder allerdings ungern im Rampenlicht, mag daher auch feuilleton-Fragen nicht beantworten. Ebensowenig wie das Wiesbadener Paar Christiane Erdmann und Wulf Winckelmann, das Gemeinschaftsausstellungen verzeichnet, jedoch nichts Privates preisgeben will: „Für eine breite Öffentlichkeit sind nur die Ergebnisse unserer Arbeit bestimmt und nicht unser Privatleben.“ Ein Korb kommt auch aus Ingelheim: „Wir haben in Sachen Kunst beschlossen, nicht gemeinsam in Erscheinung zu treten“, sagen Katja und Jesco von Puttkamer.

 

Diehl hat kein Problem damit, Persönliches zu offenbaren, ist umso mitteilsamer, je weniger er über seine Kunst reden muss: „Das langweilt mich, Werke muss man anschauen.“ Wenn er beobachten dürfe, dass jemand konzentriert eine seiner Arbeiten betrachtet, sei ihm das mehr wert als jedes verbale Lob. Die Sicht seiner Partnerin ist ihm gleichwohl teuer: „Das Urteil meiner Frau ist treffsicher. Da genügt meist ein Satz.“ Sie hätten „denselben Begriff von künstlerischer Qualität“, fühlen sich unter anderem verbunden in ihrer Begeisterung für die Ballettkunst von William Forsythe. Diehl: „Das nichtnarrative zeitgenössische Ballett ist der gegenstandsfreien Kunst sehr nahe und damit auch meiner Arbeit, ich liebe es.“

Interessant, einmal zu erfahren, was Menschen, die so viel gemeinsam haben, gemeinsam unternehmen und tun, wenn es mal nicht um Kunst geht – und was eher nicht. „Einkaufen gehen wir lieber allein“, sagt Schauder, die sich „gern im Bett von Minas vorlesen“ lässt. Beide hätten daneben aber auch ihre eigene Lektüre. Jeckel schaut „mit einem Handarbeitsprojekt“ im Schoß „Tatort“, der ihren Mann nervt. Sie begleitet ihn derweil nicht „auf seinen endlosen Waldspaziergängen“ und geht auch „nicht mit in die Pilze“. Beim Opern-Abo und dem Interesse für Wiesbadener Geschichte treffen sie sich dann wieder. Ab und an braucht Hartmann, der derzeit unter dem Arbeitstitel „Wunderkammer“ eine Arbeit für das Museum Ernst realisiert, auch Alleinzeit fürs „Träumen und Visionen“.

 

Stoelting und Török teilen jenseits der Kunstaktivitäten jede Menge Hobbys: Wanderreiten, Alpenüberqueren, Einigeln in einsamen Hütten. Zu Hause in Wiesbaden steht der Sport im Vordergrund. Während er sich im Fechten übt, sitzt die passionierte Reiterin im Sattel, schwimmt oder jagt.

 

Und wie ist der Tagesablauf in so einer Künstlerehe, werden beispielsweise die Mahlzeiten zwischen Farbtuben und Staffelei heruntergeschlungen oder gar vergessen? „Heilig ist uns das gemeinsame Abendessen, bei dem alle Themen besprochen werden“, verrät Stoelting. Das sei ihre „meeting time“, nickt ihr Mann, „am schön gedeckten Tisch mit kreativem Essen und gutem Wein“. Törok: „Wir haben keinen Fernseher, wir reden miteinander.“

 

Köstlich allein schon die Arbeitsteilung. Gefragt, ob die Küche ein wichtiger Ort ist und zusammen gekocht wird, sagt Stoelting trocken: „In der Küche füttere ich den Hund.“ – „Wenn wir zu Hause sind, bekoche ich jeden Abend meine Frau, und das mache ich gern“, schwärmt Török. Stoelting erledige in dieser Zeit Bürokram. „Umgekehrt wäre das Ergebnis – was die Büroarbeit betrifft – schlechter“, lacht der Bildhauer.

 

Auch Jeckel muss nicht an den Herd. Meist kaufe ihr Mann ein und koche, mit Ausnahme derjenigen Gerichte, für die sie „zuständig“ sei. Wie Stoelting ist Jeckel Stil wichtig: „Wir haben gern einen schön gedeckten Tisch, an dem wir an langen Abenden mit Wein und schönem Essen das Leben und die Kunst besprechen.“ Das Frühstück dreht sich um die Tagesplanung, beim Dinner ziehen sie Bilanz.

 

Schauder und Minas sehen sich nach dem Milchkaffee am Morgen spätestens beim Abendessen wieder in die Augen, nicht selten jedoch zu später Stunde, nach den Kulturevents. Während Corona etablierten sie ein „neues Ritual“, freut sich Schauder: „der gemeinsame Aperitif in meinem Erker mit Blick auf die Rheinpromenade.“ Klingt herrlich romantisch. Beide lieben Kochen: „Die Küche ist der Mittelpunkt unserer Wohnung“. Zubereitet werden zuweilen Wild, Meerestiere oder „Exotisches“. Käse kommt bevorzugt aus dem Burgund, Fertiggerichte sind tabu.

 

Müssen derweil Künstlerpaare vor allem in der Außenwahrnehmung darauf achten, nicht zu sehr zusammenzubacken, um als Individuum mit singulärer Position registriert zu werden und nicht vorwiegend als Frau oder Mann des – vielleicht sogar berühmteren – Partners? „Nein“, meint Schauder, „trotz vieler gemeinsamer Interessen und Projekte macht jeder sein persönliches Ding und hat seine Reputation. Ich glaube, man nimmt uns als Einzelschaffende wahr, die häufig gemeinsame Sache machen.“ – „Die Frage hat sich bisher bei uns nie gestellt“, sagt Jeckel, „ich denke, wir sind eine Art Doppelpack, aber unsere Eigenständigkeit ist sehr gut sichtbar.“ – „Letztlich ist jeder Künstler ein Egoist“, gibt Stoelting zu bedenken, „sonst funktioniert Kunst nicht.“ Während Török, beherzter Lakoniker, der er ist, eine Formulierung aus der Tasche fischt, die fürwahr eine Liebeserklärung ist: „Meine Frau ist meine beste Visitenkarte.“

Diehl nimmt, zumal seine Frau eine andere künstlerische Disziplin vertrittt, nicht an, bei Dritten womöglich als Anhängsel zu gelten. Erstmals habe er in diesem Februar eine eigene Arbeit ins „Lalit Tanzstudio“ gehängt: „Angelika wollte das.“ Die Kollegen verstünden seine jahrelange Zurückhaltung zwar nicht, doch Diehl weiß: „Leute die zum Tanzen kommen, nehmen kaum Bilder wahr.“ Andererseits besuchten bildende Künstler in der Regel keine Ballettaufführung.

 

Unterm Strich offenbaren die Künstlerhaushalte routinierte Abläufe mit vielen Wohlfühlmomenten. Offenkundig ist es leichter, das Leben zu meistern, wenn der Partner ebenfalls in der Kunst engagiert ist. Oder kann das auch den Wunsch nach Abgrenzung nähren? „Wenn einer von beiden zu Neid neigt, dann wird das so sein“, glaubt Diehl. „Wir sind uns sicher“, so Schauder, „dass unsere Beziehung ohne das gegenseitige Verständnis für die Lebensart und die künstlerischen Interessen nicht funktionieren würde.“

 

Jeckel und Hartmann, gebürtige Wiesbadener wie Stoelting, empfinden es als „großes Glück“, dieselbe „Lebensaufgabe“ zu haben. Verständnis sei auch dann garantiert, wenn der eine die Wünsche des anderen gerade einmal nicht erfüllen kann. Die Arbeit gehe nun mal vor. Jeckel: „Wir sind dankbar, dass wir uns immer zugewandt und respektvoll austauschen können.“ Dabei seien sie selbst ihre größten Kritiker und diesbezüglich „ziemlich gnadenlos“.

 

„Als Hauptproblem habe ich immer das potenzierte wirtschaftliche Risiko wahrgenommen“, gesteht Stoelting. Der gebürtige Ungar an ihrer Seite dagegen meint nur, man möge „Künstler als Menschen“ doch bitte schön nicht überbewerten. Nur müssen sie sich eben völlig anders verkaufen als andere Soloselbstständige. Wo wohl die wichtigsten Sammler der Künstler sitzen? „Ich warte noch auf sie“, so augenzwinkernd Török, der bei Redaktionsschluss eine Einzelausstellung im Museum Wiesbaden eröffnete. Stoeltings naturnahe Kunst stößt insbesondere auf Begeisterung in der Schweiz, Schauder hat viele Fans im Süden Deutschlands, Jeckel im Rhein-Main-Gebiet, ebenso in den USA. Minas’ Projekte und Ideen sind national wie international willkommen.

 

Und wohin zieht es die Vielbeschäftigten, wenn sie mal nicht ins Ballett oder zur Vernissage müssen? Die Mainzer Feinschmecker mögen neben Asien oder Afrika besonders Frankreich, die Pfalz, das Elsass sowie Schiffstouren in den Rheingau. Ihr Auto haben sie abgeschafft. Stoeltings Lieblings(flucht-)ort ist Berlin, „und wenn es schnell gehen muss, Frankfurt“, Török entspannt im toskanischen Pietrasanta, Jeckel in England, Schottland oder auf den Shetland-Inseln. Hartmann träumt von Tasmanien, während Diehl sein „Inneres“ aufsucht, wenn er den Eindruck hat, dass Tapetenwechsel nötig ist.

 

Ja kommt in einem derart ausgefüllten Alltag auch irgendetwas zu kurz? „Mit unserem Katerchen schmusen, Zeitungen ausführlich lesen, Sport und Bewegung“, bekennt Schauder. Jeckel zählt auf: „Housekeeping, der Garten, Freunde, Familie.“ Diehl fällt nur eins ein: „Langeweile!“ Oblomow lässt nicht grüßen.